Podcast Sternenglanz St.Gallen

Lesedauer: 4 Minuten

#73 – Dasein ist alles

Stell dir vor:
Es gibt einen Ort. In deiner Stadt. In deinem Dorf.
Und an diesem Ort ist immer jemand da.
Da ist ein Mensch, der Zeit hat. Sich für dich interessiert.
Wenn du erzählst, hört er oder sie einfach zu.
Wenn du fragst, gibt er oder sie eine Antwort.
Wenn du einen Rat suchst, bekommst du ihn.

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In St. Gallen, der Stadt, in der ich wohne und Pfarrerin bin, ist in diesem Jahr 2026 immer jemand da. Von 10 Uhr morgens bis 18 Uhr abends weilt jemand in einer hübschen kleinen Holzhütte. Versteckt genug, dass ich unbemerkt dorthin gehen kann und öffentlich genug, dass ich den Ort finde.

Die Wiborada-Zelle bei der Kirche St.Mangen. 2026 ist jeden Tag jemand da. Foto: Da-Sein, wiborada-ist-da.ch

Wiborada – eine Frau, die blieb

«Da-Sein» ↗ ist der Titel eines Projekts, das in Erinnerung an eine besondere Frau aus dem Mittelalter entstanden ist: Wiborada ↗ war vor 1100 Jahren immer da. Tag und Nacht.

Als sogenannte Inklusin liess sie sich einmauern und verliess ihre Zelle in all den Jahren nie. Sie hatte ein offenes Fenster und ein offenes Ohr und war eine wichtige Beraterin für viele einflussreiche Menschen.

Eine Begegnung, die nicht verurteilt

Sehr beeindruckend finde ich diese Geschichte, die man sich von Wiborada erzählt: Einmal kam eine junge Frau sehr verzweifelt zu ihr. Sie hatte ihr Baby in einem Teich ertränkt. Fürchterlich! Wir können uns das kaum vorstellen: die Not einer Frau im Mittelalter, die ungewollt schwanger wurde von einem verheirateten Mann.

Er kam ungeschoren davon, wie so oft. Die Frau wurde hart bestraft: Sie wurde ausgepeitscht und musste sich an allen Feiertagen barfuss und mit kahlgeschorenem Haupt vorne in der Kirche hinstellen. Was für eine Demütigung!

Nachdem die Frist dieser unglaublichen Strafe abgelaufen war, ging sie zu Wiborada, um Rat zu holen. Noch immer plagte sie das schlechte Gewissen und die Trauer. Sie wollte wissen, was sie weiter auf sich nehmen sollte, um es wieder gut zu machen.

«Du hast genug gelitten», soll Wiborada gesagt haben. «Und deinem Kind geht es gut im Himmel.»

Wie befreiend, tröstend und entlastend muss diese Begegnung mit Wiborada für die junge Frau gewesen sein.

Die Zelle heute

Heute haben wir andere Themen. Andere Voraussetzungen als die jungen Frauen von damals, die für ihre unehelichen Kinder allein verantwortlich gemacht wurden.

Doch auch heute tragen viele von uns Sorgen mit sich, stehen vor wichtigen Entscheidungen, wissen nicht weiter – oder möchten einfach mal von sich erzählen!

Die Wiborada-Zelle bei der Kirche St.Mangen. 2026 ist jeden Tag jemand da. Foto: Da-Sein, wiborada-ist-da.ch

Genau dafür ist in der nachgebauten Zelle der Wiborada in St. Gallen zur Zeit jeden Tag jemand vor Ort. Erwachsene Männer und Frauen, teilweise stadtbekannt, teilweise ganz unscheinbar. Jeden Tag kann ich kommen und ans Fenster treten. Und wenn es draussen kalt ist, darf ich auch mit hinein gehen in die gemütliche Zelle.

Wenn nichts tun alles ist

«Da-Sein» klingt nach wenig.
In einer Zelle sitzen. Warten, ob jemand vorbeikommt oder nicht. Mag sein, dass der eine oder die andere acht Stunden lang allein in der Zelle bleibt. Und Zeit hat für sich. Zum Lesen. Nachdenken. Beten.
Das klingt nach «nichts tun». Nach unnötigem Abwarten.

Aber genau das macht das Projekt meines Erachtens so stark!

Ich nehme unsere Gesellschaft zur Zeit als sehr unverbindlich wahr.
Alle ist schnelllebig, spontan. Jederzeit können Termine abgesagt oder verschoben werden. Begegnungen auf der Strasse bleiben oft kurz, weil immer jemand sagt: «Ich muss weiter. Hab keine Zeit. Bin in Eile…»

Und oft habe ich den Eindruck, dass viele Menschen einander gar nicht sehen, weil jeder seine Kopfhörer im Ohr hat oder mit dem Handy beschäftig ist und gar nicht wahrnimmt, dass da noch jemand da ist.

Die Wiborada-Zelle bei der Kirche St.Mangen. 2026 ist jeden Tag jemand da. Foto: Da-Sein, wiborada-ist-da.ch

Die leise Kraft der Anwesenheit

Das Projekt ist für mich wie ein Gegenpol: In dieser Zelle in St. Gallen ist 2026 jeden Tag jemand da. Darauf kann ich mich verlassen.
Dieses «Da-Sein» ist keine Kleinigkeit.

Virginia Satir beschreibt das sehr schön in einem Gedicht:

Ich glaube, das grösste Geschenk,
das ich von jemandem bekommen kann, ist,
dass er mich sieht, mir zuhört, mich versteht und mich berührt.
Das grösste Geschenk, das ich einem anderen Menschen machen kann, ist, ihm zuzuhören, ihn zu verstehen und ihn zu berühren.
Wenn das gelingt, habe ich das Gefühl, dass wir uns wirklich begegnet sind.

In der nachgebauten Wiborada-Zelle in St. Mangen sind solche Begegnungen möglich.
Aber nicht nur dort.
Wir alle haben jeden Tag die Möglichkeit, da zu sein und andere wahrzunehmen. Und wir dürfen uns mit unserem Dasein und unseren Sorgen und Geschichten andern anvertrauen.

So viel für heute. Schön, hast du dir Zeit genommen, diesen Podcast zu hören. Den nächsten Sternenglanz-Beitrag liest du am 29. Januar, mit Carsten Wolfers.

Bis dahin, mach`s gut und schau gut zu dir.

Portrait Kathrin Bolt

Kathrin Bolt

Kathrin schreibt und spricht leidenschaftlich gerne. Die 44-Jährige lebt mit ihrer Familie in St.Gallen und arbeitet als Pfarrerin in der evangelisch-reformierten Laurenzenkirche. In ihrer Freizeit spielt sie Theater.