Podcast Sternenglanz St.Gallen

Lesedauer: 4 Minuten

#65 – Upcycling fürs Leben: Wie wir Altes neu entdecken

«Öfter mal was Neues?»
Seit ich den Sternenglanz Podcast mache, werde ich dazu ermutigt, die Folgen von Carsten zu kommentieren und weiterzuführen. Und ja: Auch zu widerlegen, widersprechen und kritisieren! Das haben wir bisher kaum gemacht. Wir sind harmoniebedürftig und unsere Gedanken liegen selten weit auseinander.

Aber dieses Mal, Carsten, muss ich reagieren!

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Zunächst: Ich habe mich gefreut, in deinem Podcast ↗ zu hören, dass ihr euch ein neues Sofa geleistet habt. Dazu ein kuscheliger Teppich, fantastisch! Über eine Einladung würde ich mich freuen! Ich kann mir vorstellen, dass das die Atmosphäre verändert und zu eurem neuen Lebensabschnitt passt.

Aber deinen Aufruf zum «Kauf neuer Dinge» gegen den Frust verkorkster Lebensmomente will ich schon kritisch betrachten.

Carstens Wunsch und Kathrins Ärger

Du erzählst von Sitzungen, die langweilig und nicht ergiebig sind. Was ich natürlich bestens nachvollziehen kann. Und dann erzählst du davon, wie es dich so positiv überrascht hat, als gerade an diesem Tag ein neuer Drucker bei dir ausgeliefert wurde. Schnell warst du in einer anderen Stimmung: Konntest das Neue entdecken und hattest Freude.

Ich kann mir diese Bubenfreude an die gut vorstellen: Diese Freude am Technischen, am Neuen. Aber echt jetzt: Findest du diese Schlussfolgerung sinnvoll: Egal wie nervig die Sitzung – Hauptsache, danach kann ich mir was Neues leisten?

Frustkäufe

Nicht, dass ich das nicht nachvollziehen könnte. Du sagst, dass du nicht zu Frustkäufen neigst. Bei mir funktionieren leider Frustkäufe bestens. Vielleicht wühlt mich das Thema gerade deshalb auf! Ich gehe in schwierigen Lebensmomenten gern einkaufen und fühle mich sofort besser, wenn ich ein neues Kleid gefunden habe, das passt, oder wenn ich mir noch ein Zierkissen für mein Sofa leiste, oder wenigstens Schokolade und Cola – was ich mir eigentlich abgewöhnen will.

Wenn ich mich so belohne, habe ich das Gefühl, dass ich mir etwas Gutes tue, dass ich mir etwas leiste, das ich doch verdient habe nach dem ganzen Frust.

Aber – in Anbetracht unserer materiell komplett überfüllten Welt frage ich mich: Ist unser «Öfter mal was Neues» ökologisch verantwortbar?

Neuer Bettanzug – weil die Kollektion so schön ist;
Neue Jacke – weil die Farbe der Mode geändert hat;
Neue Schuhe – weil sie besser zur neuen Jacke passen;
Neue Brille – weil ich meine doch schon über ein Jahr trage…

…viele von uns sind es gewohnt, sich immer wieder Neues zu leisten.
Und ja – oft macht das Freude. Für eine kurze Zeit.

Überfluss
Foto von Şahin Sezer Dinçer ↗ auf Unsplash ↗

Doch für diese Freude zahlen wir einen Preis. Finanziell, materiell und auch emotional. Die neu entstandene Freude vergeht wieder und weckt eine Sehnsucht nach noch mehr Neuem.

Ich sage das jetzt bewusst plakativ und ich provoziere.
Ich bitte Carsten, das nicht falsch zu verstehen: Das neue Sofa gönne ich dir von Herzen. Und auch den Drucker.

Aber mal ehrlich: Wäre es nicht sinnvoller, darüber nachzudenken, wie langweilige Sitzungen neu gestaltet werden können, als darüber, was du dir als Nächstes anschaffst, wenn wieder so eine Sitzung ansteht?

Upcycling

Ich möchte eine Lanze brechen für die Haltung, dass »Neues« nicht mit Neuem zu tun haben muss. Aus dem, was schon da ist, können wir so viel Neues machen.

Upcycling ist ein Trend, Dinge umzugestalten statt wegzuwerfen.
Aus meiner alten Jeans mache ich eine Handtasche. Aus der leeren Weinflasche ein Windlicht. Wenn ich ein bisschen danach forsche, was mit Upcycling alles möglich ist, kann aus meinem alten Sofa mit wenigen Eingriffen ein neues machen.

Upcycling
Foto von noah eleazar ↗ auf Unsplash ↗

Und was bei Möbeln und Haushaltsgegenständen gut geht, ist möglicherweise auch bei Menschen möglich.
Carsten vollzieht am Ende seines Beitrags eine elegante Wendung und sagt: «Öfter mal was Neues» wolle er nicht auf Beziehungen anwenden. Dort sei gerade Zuverlässigkeit und Vertrauen wichtig.

Sorry Carsten: Schon wieder widerspreche ich dir! Gerade in Beziehungen brauchen wir öfter mal etwas Neues!

Öfter Neues in Beziehungen

Wir finden es langweilig, wenn wir uns gut kennen und immer gleich miteinander umgehen. Zu Hause genauso wie im Büro.
Darum werden die Sitzungen mit den gleichen Menschen auch immer wieder schwierig.

Wie wäre es, wenn wir daran etwas ändern könnten? Wenn wir uns zutrauen, dass wir uns überraschen, neu begegnen, neu erleben können? Uns vorstellen, dass wir nicht «alt» sind füreinander, sondern «neu»?

Natürlich ist das nicht einfach, wenn man sich gut kennt und so vieles voneinander weiss.

Trotzdem behaupte ich, dass es keinen Menschen gibt, von dem wir nicht immer wieder «Neues» erfahren können. Selbst, wenn wir mit diesem Menschen schon lange leben, verheiratet sind oder seit Jahren zusammen arbeiten.
Wir können uns mit der inneren Haltung begegnen: «Ich weiss nicht, was du gerade denkst. Wie es dir gerade geht. Aber ich interessiere mich dafür. Erzähl es mir. Überrasche mich!»

Konkret könnte das bedeuten, dass ich in Beziehungen, die sich für mich so eingespielt haben und vielleicht auch langweilig anfühlen – oder in Sitzungen, bei Menschen, die mich immer ärgern –, dass ich dort ganz bewusst nachfrage: Wie geht’s dir eigentlich? Was denkst Du? Über dich, mich und uns? Über das Leben?

Gibt es etwas, das du gern verändern würdest?

Ich bin überzeugt, wenn wir Menschen mit der inneren Haltung begegnen: Du kannst mich noch überraschen; ich weiss nicht alles von dir. Und: Ich möchte mich von dir überraschen lassen, dann geschieht etwas Neues – öfter mal was Neues.

Dann wird vielleicht in Sitzungen plötzlich gelacht.
Oder geweint.

Dann gibt es in Beziehungen wieder Gespräche, wo zuvor geschwiegen wurde.

Und im besten Fall erlebe ich so «Öfter mal was Neues», ohne dass ich mir ein neues Sofa kaufen oder mir einen neuen Freund anlachen muss.

Gespräche bei der Kaffeepause
Foto von Giulia Bertelli ↗ auf Unsplash ↗

Soweit mein durchaus humorvoll gemeinter «Widerspruch» zu Carsten. Und gleichzeitig mein Miteinstimmen in den Slogan: «Öfter mal was Neues» – vielleicht aus dem Alten.

Die nächste Folge hörst du am 9. Oktober mit Carsten.

Bis dahin, mach`s gut und schau gut zu dir.

Portrait Kathrin Bolt

Kathrin Bolt

Kathrin schreibt und spricht leidenschaftlich gerne. Die 44-Jährige lebt mit ihrer Familie in St.Gallen und arbeitet als Pfarrerin in der evangelisch-reformierten Laurenzenkirche. In ihrer Freizeit spielt sie Theater.