Der berühme US-amerikanische Prediger und Pastor Billy Graham hatte die Angewohnheit, bei seinen Vorträgen immer eine Bibel in der Hand zu halten. Manchmal hielt er sie mit gestrecktem Arm in die Höhe.
Das erinnert mich an den bunten Regenschirm von Reiseführe:innen: Schau her, hier geht es lang!
Bei Billy Graham funktionierte das. Leute haben gesehen, wie er die Bibel hochhielt, und haben sich dann gesagt: Ja genau, da geht es lang! Das hatte so eine Selbstverständlichkeit. Ich befürchte, diese Selbstverständlichkeit ist heute vorbei.
Sinnbildlich halte ich mir meine Bibel hoch, aber da ist viel mehr, was wir mit unserer Bibel so tun.
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Die Bibel übersetzen
Die Bibel kann man übersetzen. Denn ursprünglich ist sie in Hebräisch und Griechisch geschrieben. Das ist eine der grossen Leistungen von Martin Luther, endlich mal für eine gescheite Übersetzung der Bibel auf Deutsch zu sorgen.
Ich kenne jemanden, der seit geraumer Zeit mitarbeitet an einer Übersetzung ins Rätoromanische ↗. Die Arbeit geht seit 50 Jahren zügig voran. Eine solche Arbeit fasziniert mich.
Andere übersetzen die Bibel für Jugendliche ↗, leichtverständlich für die heutige Zeit. Unsere Sprache, unser Sprachverständnis verändert sich, und deshalb kommt man da mit dem Übersetzen wohl nie an ein Ende.

Verkaufen oder verschenken
Die Bibel kann man kaufen und verkaufen. Man kann sie auch verteilen, ja verschenken. Ich finde es wünschenswert, dass jeder Gläubige, jede Interessierte einen leichten Zugang hat, dieses Buch in die Hand zu bekommen, gar eine eigene Bibel zu bekommen.
Mir liegt der Einwand auf der Zunge, dass es dafür heutzutage auch Apps gibt. Und in der Tat, seit Anfang des Jahres benutze ich eine Bibelapp ↗, mit der ich hoffentlich am Ende des Jahres die Bibel mal wieder gelesen habe. Bislang liege ich nur zwei Wochen zurück. 😉Und das möchte man ja immerhin durch das Übersetzen und Verteilen erreichen:
Die Bibel lesen
Die Bibel kann ich lesen. Das sollte bei einem Buch eigentlich keine Überraschung sein😊 Das Lesen in der Bibel gehört für mich zur eigenen Glaubenspraxis einfach dazu, das hilft mir in meiner Spiritualität.
Das Lesen ist zuweilen anspruchsvoll.
- Da steht viel Schönes, aber auch manches Schwieriges drin.
- Ich finde dort manche Inspiration, Geschichten, die mich weiterführen, Erzählungen, die mich stärken.
- Und dann finde ich da auch Schräges, Missverständliches, Skurriles.
- Manches ist Bestätigung, dass ich irgendwie gut auf dem Weg bin, anderes stellt mich in Frage.
Das Lesen aus der Bibel gehört für mich einfach zu einem gemeinsamen Gebet, zu einem Gottesdienst dazu. Letzte Woche habe ich Bibeln bestellt, gerade einen ganzen Klassensatz, um mit meiner Klasse in der Bibel zu lesen.
Bibellesen mit kreativen Methoden
Und was mich in Staunen versetzt ist die Methodenvielfalt. Was Menschen sich alles einfallen lassen, um in der Bibel zu lesen:
- da liest man zusammen oder alleine,
- da liest man in verschiedenen Rollen,
- da wird die Bibel gestochen und geteilt,
- da werden biblische Geschichten dramatisch nachgespielt
- oder biblische Texte so lange geschwärzt, bis nur noch das stehen bleibt, was für mich hier heute wichtig ist (Blackout-Poesie).

Ich bin beeindruckt von all dem vielen, was ich mit der Bibel tun kann. Aber (!) ich habe den Eindruck, das reicht nicht. Wenn ich die Bibel als Übersetzung verstehen kann, wenn ich eine eigene Bibel im Regal stehen habe, wenn ich verschiedene Methoden des Lesens kenne – was passiert danach?
Ich erhoffe mir etwas mehr. Marx hatte recht: Es reicht nicht zu verstehen, zu wissen, erklären zu können, man muss die Welt, das Leben auch verändern.
Die Bibel begreifen
Ich hoffe die Bibel zu begreifen. Und das ist vielleicht etwas anderes, als viele Bibelgeschichten zu kennen, viele Bibelstellen zitieren zu können und beim nächsten Bibelquiz den Bibelpokal zu gewinnen.
Ich möchte verstehen, was Gott mir durch dieses Buch zu verstehen gibt. Ich möchte an den Punkt kommen, dass ich mir irgendwann sagen kann: «Ach, so ist das gemeint. Ach so ist das mit Gott, mit Jesus.»
Leider ist dieses Buch Bibel ein riesiger Dschungel. Da den Pfad zu finden, wo es durchgeht, den roten Faden zu ergreifen und zu begreifen, wohin mich die Bibel führt, das ist ein gutes Stück Arbeit, geistige, geistliche Arbeit.
Ja, ich hoffe, dass ich die Bibel immer besser begreife.

Sich die Bibel aneignen und sie anwenden
Ich hoffe mir die Bibel anzueignen. Ich möchte an diesen Punkt kommen, dass ich mir nicht bloss die Frage stelle: «Ist das meins? Kann ich das auch annehmen und bejahen?», sondern ich möchte mir sagen können: «Das ist meins. Das ist mir zu eigen geworden.» So hoffe ich mir die Bibel anzueignen.
Und schliesslich: Ich hoffe die Bibel anzuwenden. Eigentlich komme ich erst mit diesem Verb ins Tun.

Es fällt mir nicht so einfach diesen Schritt zu machen, von einer biblischen Geschichte oder einer Erzählung etwas zu tun in meiner Wirklichkeit, in meinem Alltag.
Aber bevor ich mir irgendwelche Ausflüchte erfinde, muss ich mir eingestehen: Ich habe Hemmungen davor, mich dann verändern zu müssen. Wenn ich wähne, ich könnte etwas anders machen als bisher, dann spüre ich die Unsicherheit, wie ein Schritt auf Glatteis mit Gefahr zu fallen.
Und dennoch hoffe ich: Ich könnte vielleicht ein besserer Mensch werden, wenn ich ab und zu die Bibel anwende.
Die Bibel im Alltag anwenden: Drei Beispiele
Drei Beispiele fallen mir dazu ein. Ich kenne einen Mann, der hat immer und immer wieder diesen einen Bibelsatz gesagt, diese Aussage Jesu:
«Was Du dem Geringsten meiner Schwestern und Brüder getan hast, das hast Du mir getan.»
(Mt 25,40)
Bei ihm habe ich den Eindruck, er sagt das nicht nur, er strahlt das aus, das lässt seinen Umgang mit anderen Menschen freundlich und gütig werden.
Ich kenne einen Priester, der hat so seine Launen, aber wenn eine Entschuldigung ausgesprochen, wenn die Hand zum Frieden gereicht ist, dann ist auch wirklich alles vergeben und vergessen.
«Die Liebe trägt das Böse nicht nach.»
(1 Kor 13,5)
Deswegen ist er in der Tat nicht nachtragend.
Ich kenne Paare, die sich diesen Spruch aus der Bibel zu eigen machen:
«Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen!»
(Eph 4,26)
Manche Paare wenden diesen Bibelspruch an, indem sie ihre Streitereien begrenzen, indem sie einander sicher sein dürfen, dass der Krach zu gegebener Zeit auch wieder endet.
Ich hoffe, dass es mir gelingt meine Bibel hochzuhalten, nicht wortwörtlich wie Billy Graham, nicht durch übersetzen, nicht durch verteilen und lesen, ja noch nicht einmal durch begreifen und ergreifen. Ich hoffe einfach, dass ich die Bibel hochhalte, indem ich den ein oder andere Weisheit der Bibel anwende. Da tut sich dann was Gutes, wenn ich das mit der Bibel tue.
Dir alles Gute & Gottes Segen!

Carsten
Wolfers
Carsten Wolfers ist leidenschaftlicher Podcaster und Hobby-Musiker. Der 52-Jährige lebt mit seiner Familie im Rheintal und arbeitet als Diakon für die römisch-katholische Kirche in Sevelen. In seiner Freizeit philosophiert er gerne über die grossen Fragen des Lebens.

