Podcast Sternenglanz St.Gallen

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Lesedauer: 5 Minuten

#90 Hände voller Hoffnung

«Du hast schöne Hände!»

Das sagte vor kurzem jemand zu mir. Und ich war so perplex. Ich hatte bisher kein besonders gutes Verhältnis zu meinen Händen.

Klar, ich brauche sie jeden Tag! Zum Schreiben, zum Essen, zum Cello spielen, zum Begrüssen, zum Berühren. Ohne Hände geht gar nichts!

Das merkt man spätestens dann, wenn man sich mal einen Finger bricht. Oder das Handgelenk eingebunden hat. Oder an Krücken gehen muss.Wenn einem im wahrsten Sinne des Wortes die Hände gebunden sind, geht gar nichts mehr.

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Meine Hände erinnern mich an meinen Vater. Er hatte sehr dicke, wir sagten immer «wurstige Finger». Das habe ich von ihm geerbt. Meine Hände zeigen nichts von weiblicher Zartheit, sie sind eher stämmig – mit kurzen Fingern. Früher habe ich viel an meinen Fingernägeln rumgekaut, was teilweise schrecklich aussah. Vielleicht kann ich mir deshalb bis heute nicht vorstellen, dass jemand meine Hände schön findet.

Heute mache ich zumindest ein Minimum an Handpflege, creme sie regelmässig ein und manchmal lackiere ich sogar die Nägel. Je länger je mehr beginne ich, meine Hände zu schätzen.

Ich gehöre zu den Menschen, die viel mit dem Kopf denken und in Theorien abschweifen. Ich lerne viel übers Auge, indem ich beobachte oder lese. Und ich nehme viel übers Ohr wahr, indem ich zuhöre.

Aber das, was mich im wahrsten Sinne des Wortes berührt, geht über den Körper. Und am meisten über die Hände.

Ich glaube, es ist kein Zufall, dass wir die Hände falten, wenn wir beten.

Natürlich machen wir das auch, um die Hände bei uns zu halten, nicht schon wieder etwas anzupacken oder aufzuräumen, sondern still zu werden und ganz da zu sein.

Aber ich denke, wir machen es auch, um uns selbst zu spüren. Um uns an der Hand zu nehmen, Halt zu geben.

Das Fünf-Finger-Gebet

Wir können auch noch einen Schritt weitergehen. Und mit jedem einzelnen Finger beten. Das habe ich vor Kurzem entdeckt, als ich nach einer Predigt-Idee zum Thema «Hoffnung» für Jugendliche gesucht habe.

Hoffnung, habe ich gemerkt, steckt in jedem einzelnen Finger.

Und das kann man beim Beten sehr gut nachempfinden.

Vielleicht magst du das mit mir ausprobieren. Ein sogenanntes «Fünf-Finger-Gebet». Wenn wir unsere fünf Finger einzeln betrachten – ja, sie vielleicht auch einzeln in die Hand nehmen, dann können wir einen Gebets-Weg durch die ganze Hand machen.

Daumen

Ich beginne beim Daumen. Und wenn du magst, mach einfach mit.

(Die folgenden Fotos zeigen Carstens Hand.)

Ich umschliesse mit der rechten Hand meinen linken Daumen und überlege mir: Was gibt mir Hoffnung? Das, was mich bestärkt, ermutigt. Da, wo ich sagen kann: «Daumen hoch!» Zu mir selbst oder zu andern.

Der Daumen kann mich ermutigen, in allem das Gute zu sehen.

Zeigefinger

Jetzt umschliesse ich den Zeigefinger.

Den finde ich im ersten Moment nicht so toll, weil er was von «Moral-Zeigefinger» hat, oder auch ein Drohfinger sein kann. So macht er mir keine Hoffnung.

Aber was mir am Zeigefinger gefällt, ist: Er weist nach vorne! Er kann mir Richtung geben. Wie ein Wegweiser auf einer Wanderung: Da ist mein Ziel, das ist meine Richtung.

Mit meinem Zeigefinger überlege ich mir, wohin mein Weg geht. Was ich mir für die Zukunft wünsche.

Ein Ziel zu haben, eine Richtung zu haben, das gibt mir Hoffnung.

Mittelfinger

Dann geht’s weiter zum Mittelfinger – ja, ich gebe es zu. Der ist ein bisschen zwiespältig. Wenn wir einander den Mittelfinger zeigen, den sogenannten Stinkefinger, ist das in der Regel nicht produktiv.

Auf der andern Seite merke ich: Manchmal brauche ich auch eine solche Widerstandskraft, einen «Stinkefinger», den ich – mindestens innerlich – zücken kann. Wenn z.B. grossmächtige Herren behaupten, wir hätten kein Klimaproblem. Oder wir müssten aufrüsten, um Frieden zu finden. Wenn ich Ungerechtigkeit wahrnehme oder mich ungerecht behandelt fühle, wünsche ich mir diese Energie. Ein grosses NEIN, den Mut, aufzustehen, mich zu wehren. Dafür habe ich ihn sehr lieb, meinen Mittelfinger. Weil er mich daran erinnert, dass ich nicht immer lieb sein muss.

Ich darf mich auch wehren!

Ringfinger

Und dann der Ringfinger.

Ich trage im Moment keinen Ring. Aber ich mag die Vorstellung, mit Menschen verbunden zu sein. Ich mag die Vorstellung eines Rings, der für verlässliche Beziehungen steht. Auch wenn ich keinen Ring trage, sind mir meine Beziehungen wichtig. Ganz unterschiedliche. All die, die mich tragen und herausfordern. Die Beziehung zu meinen Töchtern, meinen Schwestern, meinen Freundinnen und Freunden, auch zu vielen Menschen meiner Kirchgemeinde.

So viele Menschen gehören zu meinem Leben, machen es aus. Dafür bin ich sehr dankbar.

Kleiner Finger

Bleibt noch der kleine Finger. Mein Lieblingsfinger.

Er steht für alles Unscheinbare, Zarte, Kleine.

Gerade Hoffnung fängt oft im Kleinen an.

Mit kleinen Schritten. Hoffnung könnte für unsere Welt auch bedeuten, im Kleinen – oder im Weniger – die grosse Chance zu sehen. Ich kenne viele Menschen, die müde sind von unserer übersättigten Welt, von unserem Leben auf grossem Fuss. Weniger ist oft mehr. Das leben zu können, gibt uns Hoffnung.

Dein Fünf-Finger-Gebet

So kann ich mit jedem meiner Finger beten. Und jeder Finger kann mir Hoffnung geben. Das gefällt mir, weil es so einfach und praktisch ist. Und ja – auch, weil ich meine Hände inzwischen viel lieber habe, seit jemand mir sagte, ich hätte schöne Hände.

Wie geht es dir mit deinen Händen? Magst du sie? Pflegst du sie? Ich will dich ermutigen, deinen Händen Aufmerksamkeit zu schenken.

Was für ein Glück, dass wir Hände haben und damit so vieles halten und berühren können.

Vielleicht hast du auch ein Fünf-Finger-Gebet. Du kannst es zu jedem Thema machen, es muss nicht die «Hoffnung» sein. Es könnten auch die fünf Finger der Liebe oder der Sehnsucht – was auch immer – sein.

Den nächsten Sternenglanz-Beitrag liest du am 8. Oktober mit Carsten.

Bis dahin, mach’s gut und schau gut zu dir.

Portrait Kathrin Bolt

Kathrin Bolt

Kathrin schreibt und spricht leidenschaftlich gerne. Die 44-Jährige lebt mit ihrer Familie in St.Gallen und arbeitet als Pfarrerin in der evangelisch-reformierten Laurenzenkirche. In ihrer Freizeit spielt sie Theater.