Podcast Sternenglanz St.Gallen Carsten Wolfers

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Lesedauer: 4 Minuten

#89 Der Raum der Stillen

Kennst Du «raumeinnehmende» Menschen? Mir fallen eine ganze Reihe ein, Menschen, die irgendwie Raum einnehmen und Raum ergreifen, sobald sie einen Raum betreten. Ich bin da auf der Suche, was das eigentlich heisst. Sind das Menschen, die von sich aus Raum einnehmen, den Raum um sich herum ergreifen?

Oder sind das Menschen, die aufgrund ihrer Ausstrahlung oder ihrer Statur auf eine Art und Weise auffallen, dass der Platz neben ihnen dünn wird?

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Wie machen die das?

Raumeinnehmende Menschen stehen da und strahlen aus: «Ich bin wichtig, besonders wichtig. Ich stelle etwas dar.» Dieser Nimbus umgibt sie, irgendwie. Sie strotzen nur so vor Selbstsicherheit, vor Selbstbewusstsein. Die Wirkung auf andere ist dabei, dass man diesen Platzhirschen den Platz freigibt. Sie wirken klar, bestimmend, und damit kommen sie durch, damit kommen sie weiter als viele andere.

Manche machen das mit einer Art von Geselligkeit und können damit den Ton angeben. Manche strahlen eine Kraft und Stärke aus, weil sie als durchgreifend und bestimmend erscheinen, selbst wenn das mehr Schein als Sein ist.

Gerne sagen sie «wir», obwohl sie lediglich ein Ich sind.

Klar und deutlich können sie mit ihrer durchdringenden Stimme den Raum beherrschen. Sie reden viel und reden oft laut. Sie unterbrechen einen, können zu ach so vielen Themen eine Meinung abgeben und bleiben leider so oft unwidersprochen.

Foto von Eric Smart ↗ auf Unsplash ↗

Skeptisch

Ich fühle mich in Gegenwart solch raumeinnehmender Menschen selten wohl. Ich bleibe skeptisch, ob wirklich stimmt, was sie vorgeben. Auch bin ich ein wenig neidisch, weil das eine Fähigkeit ist, die mir völlig abgeht.

Mein Unbehagen liegt wohl eher daran, dass ich gerne etwas Raum um mich herum habe. Das ist mein Raum, da, wo ich mich wohlfühle, wo ich zuständig bin, wo ich mitbestimme, wieviel Distanz und Nähe ich mag. Wenn dann jemand den Raum betritt, dann komme ich mir seltsam überfahren vor, als wäre ich an den Rand gedrückt, als würde jemand einfach meinen Bereich nicht achten und respektieren. Das mag ich nicht. Und ich tue mich schwer, raumeinnehmenden Menschen zu vertrauen. Meine Erfahrung sagt mir intuitiv, dass solche Persönlichkeiten eher etwas von oben herab handeln, weniger auf Augenhöhe.

Ich vertröste mich mit einem Satz des Philosophen Friedrich Nietzsche, der einmal meinte:

«Mit einer lauten Stimme im Hals kann man keine feinen Sachen denken.»

Introvertiert

Und ich mag es wirklich gerne, feine Sachen zu denken, in Ruhe zu überlegen, wie die Dinge sich verhalten. Ich liebe es, mir die Zeit zu nehmen, gut und tief in mich hineinzuhorchen, um mir wirklich sicher zu sein, sollte ich mal mit leiser Stimme etwas Wichtiges zu sagen haben.

Ich bin introvertiert. Mittlerweile komme ich mit dieser Eigenart ganz gut zurecht, doch bis dahin war es ein langer Weg.

Introvertiert, damit hat Carl Gustav Jung versucht, Persönlichkeiten zu beschreiben, die ihre Energie, ihre Kraft eher nach innen wenden, im Unterschied eben zu den Extravertierten, die ihre Kraft und Energie nach aussen richten.

Introversion. Raum der Stillen. Introvertiert
Foto von Ümit Bulut ↗ auf Unsplash ↗

Früher musste ich mich zwingen, gelegentlich zu sprechen, mich einzubringen und nicht zu sehr mich zurückzuziehen. Über die Jahre, mit Familie und Beruf, mit all den Begegnungen mit Menschen konnte ich lernen, mich zu verändern, und dennoch bin ich auch heute eher jemand, der die Party eher etwas zu früh verlässt.

Da sind diese zwei Pole in unseren Persönlichkeiten, die beide ihre Vorteile und ihre Nachteile haben. Mancher von uns trägt etwas von beidem in sich, mal mehr das eine, mal mehr das andere.

Meine Kammer des Gebets

Das fällt mir besonders in der Spiritualität auf. Mir selbst fällt es eher leicht, mir Zeit zu nehmen für Gebet und Meditation, mich in Ruhe in Gottes Gegenwart zu setzen.

Da werfe ich einen tiefen Blick in meine Seele, horche achtsam in mich hinein. Da bin ich ganz bei mir. Es dauert eine Weile, bis ich vor lauter Besinnlichkeit irgendwann die Kurve kriege und meine Aufmerksamkeit wieder nach aussen richte und dann irgendetwas tun muss, irgendetwas mit Menschen, etwas Gutes in dieser Welt.

Nein, ich brauche wahrlich keinen Raum der Stille, denn als stiller Mensch weiss ich einen solchen Raum in mir.

Meine Kammer des Gebets trage ich beständig im Herzen.

Ihr Nachteil und ihre vorteilhaften Fähigkeiten

Ob introvertiert, ob extrovertiert, beides hat seine Vorteile und seine Nachteile.

Carsten Wolfers liest ein Buch über Introversion.

Allerdings: Auf dem Markt der vielen Möglichkeiten haben es die lauten Schreier fürwahr etwas einfacher. Doch ob die es wirklich besser machen, steht womöglich auf einem anderen Blatt.

Psycholog*innen wie Susan Cain oder Jule Specht weisen seit geraumer Zeit darauf hin, dass introvertierte Menschen es mit ihren leisen Stimmen wirklich oft schwer haben.

Da lohnt sich ein zweiter, genauerer Blick darauf, was introvertierte Menschen gut können. Sie können besser zuhören, verstehen und andere respektieren.

Introvertierte Menschen können in ihrer Stille manches Geheimnis bewahren.

Sie können ihre Gedanken besser auf Papier bringen. Viele Introvertierte sind grossartige Problemlöser*innen. Viele von ihnen können ausgezeichnete Führungskräfte werden, wenn man ihnen etwas Zeit gibt und den Raum lässt.

Ein Vorschlag

Manchmal wünsche ich mir eine Gangschaltung, dass ich je nach Situation umschalten könnte, ob ich so oder so bin, je nachdem, was ich gerade tun möchte, was ich für mich gerade brauche, wo andere etwas von mir benötigen. Ach, könnten wir unsere Eigenheiten doch frei steuern! Doch meistens können wir nicht so einfach heraus aus unserer Haut, aus unserer Persönlichkeit voller Erfahrungen und Mustern.

Aber einen Vorschlag möchte ich machen, der mir gelegentlich hilft: Wenn Du mal wieder in einen Raum kommst, in dem sich viele verschiedenste Menschen treffen: Achte mal nicht so sehr auf jene, die allzu leicht den Raum für sich einnehmen!

Achte auch mal achtsam auf jene, die sich leise am Rand des Raums bewegen, jene, die sich allzu gerne zurückhalten.

Das könnte ein echter Gewinn werden.

Den nächsten Beitrag bei Sternenglanz kannst Du ab dem 24. September lesen, dann wieder mit Pfarrerin Kathrin Bolt.

Dir alles Gute & Gottes Segen!

Portrait Carstel Wolfers

Carsten
Wolfers

Carsten Wolfers ist leidenschaftlicher Podcaster und Hobby-Musiker. Der 52-Jährige lebt mit seiner Familie im Rheintal und arbeitet als Diakon für die römisch-katholische Kirche in Sevelen. In seiner Freizeit philosophiert er gerne über die grossen Fragen des Lebens.