Wenn ich etwas nicht gut kann – und auch nicht mag – dann ist es Handarbeit! Stricken… Nähen… Häkeln… Wenn ich daran denke, bekomme ich Fluchtreflex!
Meine Kindheitserinnerung an die Handarbeit
Ich seh mich noch, wie ich als Kind in der Handarbeit überfordert am Pult sass. Verzweifelt versuchte ich, einen Faden einzufädeln. Wieder und wieder schnitt ich das vorderste Ende ab, nahm es in den Mund, um es so dünn wie möglich zu machen und zu verhindern, dass es ausfranst… und am Ende musste ich doch wieder die Lehrerin rufen, damit sie mir hilft.
Dieses Gefühl, so ungeschickt und unfähig zu sein, steckt mir noch in den Knochen.
Vielleicht hatte es damit zu tun, dass ich es einfach nicht gewohnt war, etwas nicht zu können und zu denjenigen zu gehören, die Mühe haben.
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Ich war eine gute Schülerin, konnte gut rechnen und schreiben, konnte gut singen und Noten lesen und war auch im Sport einigermassen dabei. Aber wenn es ums Zeichnen oder Basteln und eben vor allem um die Handarbeit ging, war ich ungeschickt und überfordert.
Seit ich erwachsen bin, ist das Thema zum Glück mehr oder weniger abgehakt. Während Freundinnen sich Nähmaschinen kaufen und kunstvolle Taschen nähen oder sogar Kleider stricken, nehme ich Nadel und Faden höchstens zur Hand, wenn ein Knopf angenäht werden muss. Für mehr reicht es nicht. Und da bin ich froh.
Oder war es zumindest…
Ein Überraschungstag mit Nadel und Faden
Bis ich vor gut einer Woche mit einer kleinen Gruppe unterwegs war und nicht wusste, was geplant war. Es war ein Überraschungstag. Wir hatten sechs Jahre lang zusammen ein Projekt geführt, das nun zu Ende kommt, ↗ und wollten das feiern. Und neben idyllischer Kutschenfahrt, feinem Essen und Museumsbesuch sassen wir plötzlich in einem kleinen Raum mit Stoffen und Fäden.
«In den nächsten zwei Stunden sticken wir ein Buchzeichen», sagte die Frau, die uns anleiten sollte.
Und um mich herum brach eine Begeisterung aus: Oh, was für schöne Stoffe. Wow, und die Muster! Schaut, ich sticke eine Koralle! Und ich sticke diese Buchstaben!

Und mir wurde etwas mulmig. Vor allem, als das grosse Fachsimpeln losging und mir klar war, dass ich einmal mehr kein Wort verstehe: Also wie machst du den Kreuzstich? Über zwei oder vier? Hääää?
Zu meinem grossen Glück sass eine ältere Frau neben mir, die ebenfalls kein Talent für Handarbeit hat und wunderbar dazu stehen kann. Im Gegensatz zu mir hat sie aber auch keine Hemmungen: «Du musst es uns genau zeigen», sagte sie zur Stick-Lehrerin, «und dann probieren wir einfach drauflos».
Ich blätterte noch ein wenig in den Stickmustern, die teilweise sehr kunstvoll und aufwändig waren, und fand plötzlich ein einfaches Herz.
«Das schaffe ich», sagte ich mir. Und nahm roten Faden. Ich fragte nach, welcher Stoff am einfachsten zu besticken sei, und liess mir den Kreuzstich über zwei kleine Löcher hinweg (von unten rechts nach oben links nach unten links nach oben rechts…) noch einmal erklären.
Und zu meinem Erstaunen ging es!

Nicht schnell und auch nicht locker, auch nicht so versiert wie bei andern… Aber es ging.
Und mehr noch. Von dem Moment an, als ich merkte, dass ich das kann, machte es mir Freude. So richtig sogar! So viel Freude, dass ich die Stickerei am Ende mit nach Hause nahm und noch mehr Herzen stickte.
Im Nachhinein habe ich mir überlegt, warum mir das Herzensticken so viel Freude gemacht hat. Und ich habe drei Gründe gefunden.
1. Ich kann etwas, das ich mir nicht zugetraut habe
Der Erste ist dieses Erleben: Ich kann etwas, von dem ich dachte, dass ich es nicht kann.
Viele Menschen erzählen mir das vom Singen. Sie haben als Kind gehört: «Du kannst nicht singen», und fanden es immer schwierig, wenn in der Schule gesungen wurde, wenn sie vorsingen mussten, und so machte Singen auch nie Freude. Und dabei ist Singen – genauso wie das Sticken! – etwas, das ganz vielen Menschen Freude macht. Bei uns in der Kirchgemeinde gibt es einen Gospelchor, der ist so riesig, dass jede und jeder mitsingen kann, weil es einerseits genügend Menschen gibt, die den Ton treffen, und andererseits jede und jeder in der grossen Gruppe aufgehoben ist und sich den sicheren Stimmen anvertrauen kann.
Von dieser Freude, singen zu können, obschon man jahrelang dachte: «Ich kann das nicht», haben mir schon einige erzählt.
Nun habe ich dasselbe mit dem Sticken erlebt. Und ich empfand es als richtig heilsam.
Als würde ein Kindheitstrauma liebevoll aufgehoben werden vom «ich kann das nicht» hin zu «also auf meine Art kann ich das schon ein bisschen».
Auch wenn ich noch lange keine passionierte Stickerin oder Strickerin werde.
2. Die Freude am Tun
Ich bin in meinem Alltag viel am Denken, am Schreiben und Reden. Und wenig am Machen.

Dieses Dasitzen mit einem Stück Stoff in der Hand, mit Faden und Nadel und diesem beruhigenden Prozess, ein Kreuzchen nach dem andern zu sticken, hat mich unglaublich geerdet. Wir hörten keine Musik, es lief kein Fernseher, wir sassen einfach um einen Tisch. Zwischendurch redeten und lachten wir. Und als ich zu Hause weiterstickte, war ich ganz in der Stille, die Kinder hörte ich irgendwo in der Wohnung spielen.
Das war für mich eine heilsame Situation.
Und ein Gefühl von «Luxus»: Ich mache etwas. Aber nicht, weil es sein «muss». Sondern aus purer Freude.
Etwas, was im Grunde nichts nützt oder weiterbringt. Aber einfach schön ist!
3. Ein kleiner Widerstand gegen die künstliche Intelligenz
Und das Dritte: Ich hatte das erfüllende Gefühl, mich ein kleines bisschen gegen KI aufzulehnen. Ich merke, wie mich die Tatsache lähmt, dass die künstliche Intelligenz mehr und mehr unser Leben beherrscht. Verbunden damit ist das Erleben, dass so vieles inzwischen digital läuft. Unser Kommunizieren, unser Begegnen.
Ich will das nicht verteufeln, ich seh auch die vielen Vorteile. Doch ich merke: Je länger, je mehr schätze ich alles, was echt ist und berührbar und selbst gemacht. Es muss nicht perfekt sein. Es muss nicht schnell hergestellt sein.
Ich glaube, unser Herz und unsere Seele brauchen Berührung und handfestes Dasein.

Was die gestickten Herzen mir zeigen
Dafür stehen für mich meine gestickten vier Herzen, die mich darin überrascht haben, dass es so erfüllend sein kann, ein paar Kreuzstiche zu machen.
Sie zeigen mir, dass es heilsam ist, etwas mit den eigenen Händen zu tun. Und dass man kein ausgewiesenes Talent haben muss, um etwas auszuprobieren.
Sie zeigen mir, dass das Herz von ein paar Kreuzstichen berührt werden kann, während ich mich oft leer fühle, wenn ich auf dem Handy ein Filmchen nach dem andern schaue…
Wie ist das bei dir? Was tut dir gut, um dein Dasein zu spüren und zu dir zu kommen?
Gibt es etwas, von dem du denkst: «Das kann ich nicht»? Und dabei würdest du es gern tun? Wenn ja: Trau dich. Probiers aus!
Den nächsten Beitrag liest du am 10. September mit Carsten.
Bis dahin, mach’s gut und schau gut zu dir.

Kathrin Bolt
Kathrin schreibt und spricht leidenschaftlich gerne. Die 44-Jährige lebt mit ihrer Familie in St.Gallen und arbeitet als Pfarrerin in der evangelisch-reformierten Laurenzenkirche. In ihrer Freizeit spielt sie Theater.

