Podcast Sternenglanz St.Gallen

Lesedauer: 5 Minuten

#87 Das leere Nest

Momentan befinde ich mich in so einer Phase. Ich stecke nicht fest, sondern fluid in einem Übergang, der mich innerlich stark herausfordert. Das Nest wird leer. Nach und nach sind in den vergangenen Jahren die grossen Kinder in die weite Welt gezogen, und in Kürze werden alle Kinder das Haus verlassen haben.

Höre diesen Text als Podcast:

Diese Woche habe ich einen Podcast dazu gehört. Da hiess es: «Hilfe, niemand hat mich darauf vorbereitet, dass es plötzlich still wird im Haus und wir uns als Paar wieder mehr miteinander beschäftigen müssen!»

Ich denke, das ist falsch. Da kommt nichts plötzlich. Das ist eine Phase, ein Prozess, der sich über mehrere Jahre schon hinzieht. Zu behaupten, es käme plötzlich, dass die Kinder flügge werden, ist so, als würde man am 4. Advent darüber erschrecken, dass Weihnachten plötzlich am 24. Dezember sein soll. Nein, ich sehe diese Entwicklung schon seit vielen Jahren kommen.

Letzte Woche habe ich ein Buch begonnen, «Empty Nest» von Adelheid Müller. Sie beschreibt gut diese Gleichzeitigkeit: einerseits lebt man als Eltern mittlerweile wieder auch ein ausgefülltes Leben, andererseits muss man diese Gefühle von Verlust und Trauer verarbeiten, weil etwas endet und etwas Neues beginnt. Damit kann ich mehr anfangen.

Für heute mag ich ein paar Eindrücke schildern über diese sich leerende Wohnung, dann frage ich mich, wie es mir eigentlich dabei geht, was mir hilft und was ich durch diese besondere Phase auch gewinne.

Leere Kinderzimmer und erdrückende Stille

Die Wohnung leert sich. Die Kinder ziehen einfach aus, ziehen weiter. Und so sehr ich das doch schon immer gewollt habe, so bedrückt es mich doch, jedes Mal, wenn ich im Haus die Treppe hinausgehe und an leeren Kinderzimmern vorbeigehe. Sie haben ihre Spuren hinterlassen. Manchmal trete ich ein und stehe da, traurig in schönen Erinnerungen.

Die Wohnung ist leer und leise geworden. Symbolbild: Foto von Grant ↗ auf Unsplash ↗

Es ist leise geworden in der Wohnung. Früher habe ich oftmals laut durchs Haus gerufen, man möge bitte die Musik herunterdrehen und nicht das ganze Haus beschallen. Heute leihe ich mir häufiger die Playlists meiner Kinder aus. Gelegentlich freue ich mich auch darüber, konkurrenzlos meine eigene Musik laut im Haus aufzudrehen.

Der Einkaufswagen für den Wocheneinkauf ist höchstens noch halb voll. Es gab Zeiten, da brauchten wir zwei Einkaufswagen, heute reicht manchmal ein Korb. Ein ganzes Brot braucht es nur noch selten, eher das ein oder andere Brötchen.

Mittlerweile fliegen auch nicht mehr so viele Schuhe in der Garderobe herum. Was habe ich mich früher darüber genervt, wenn immer wieder neu der Hausflur mit Schuhpaaren geflutet wurde! Mittlerweile passen fast alle Paare ins Gestell.

All das sind doch nur Alltäglichkeiten. Aber gerade dabei merke ich an allen Tagen, wie sehr ich meine Kinder vermisse.

Wie ich als Vater mit dem Erwachsenwerden der Kinder umgehe

Wie es drum in mir aussieht? Ich mag nicht von einem Syndrom sprechen, aber da liegt also viel Wehmut und Abschiedsschmerz in der Luft.

Doch eben auch nicht nur.

Was ist das doch auch für eine Erleichterung, wenn das jüngste Kind endlich volljährig wird! All diese Jahre, die wir mit Erziehung und Verantwortung voll beschäftigt waren, sind vorbei.

Wir haben unseren Kindern in der Erziehung Wurzeln und Flügel mitgeben wollen. Und jetzt, wo es für manche Lücken unserer Erziehung ohnehin zu spät ist, merken wir doch: Manches ist uns nicht gelungen, manches ist danebengegangen, allen Anstrengungen zum Trotz. Vieles ist uns gemeinsam gelungen.

Auch wenn nun das Loslassen mit Wehmut verbunden ist, da ist auch viel Freude und Dankbarkeit und Glück, wo wir heute erleben, wie tief die Wurzeln gewachsen sind und wie weit die Flügel reichen.

Was für eine Last fällt mir da von den Schultern! Und wenn auch Ausbildung und Studium noch ein paar Jahren andauern, die Schule ist aus und vorbei.

  • Keine Anrufe mehr von Lehrer*innen, weil ein Kind den Kugelschreiber statt dem Bleistift benutzt hat!
  • Keine Rechnungen für vielen Kopien, die in der Tabletklasse anfallen!
  • Keine Aufregung mehr über Lehrer*innen, die einfach nicht verstehen wollen, dass Disziplin und Anpassung keine Werte sind!
  • Keine Empörung der Schüler*innen, dass man mit dem Lernen für Prüfungen auch zeitig anfangen könnte. Die Schule ist vorbei.

(K)ein leichter Abschied

Früher haben wir die Aktion «leichter Abschied praktiziert. Stand ein Abschied an für Urlaub, Lager, eine Reise, die der Beruf erforderte, dann haben wir uns manchmal etwas daneben benommen. Wenn der Abschied mit Chaos und Streit gelingt, dann fällt der Abschied viel leichter, dann ist man schliesslich einfach nur froh, wenn er oder sie endlich die Tür schliesst.

Ist es aber ein Abschied für länger, also ein Auszug, dann ist alle Leichtigkeit dahin. So viele Entscheidungen müssen gefällt werden, so viele unterschiedliche Erwartungen müssen abgeglichen werden. Das sind schwierige Übergänge, aber ich muss einräumen:

Wenn der Auszug meiner geliebten Kinder endlich erfolgt ist, dann geniesse ich diese Ruhe, diesen Frieden, diese Stille, die sich angenehm breitmacht.

Endlich habe ich mein Sofa und meine Fernbedienung wieder für mich. Als Eltern haben wir endlich wieder mehr Zeit miteinander. Zug um Zug schlossen sich damals die Zeitfenster, die wir hatten, mit jedem Kind mehr. Mittlerweile öffnen sich unsere Zeitfenster wieder, mit jedem Auszug mehr.

Mit den erwachsenen Kindern auf Augenhöhe

Das jüngste Kind packt langsam, die anderen sind schon länger woanders unterwegs. Je länger, je mehr darf ich da die Erfahrung machen, wie die Kinder, die ich doch von klein auf kenne, zunehmend mir auf Augenhöhe kommen.

Und wenn ich mir auch manchmal anhören muss, warum ich bloss so ein Vater gewesen sind, warum ich dies tat und jenes unterliess, so schätze ich diese Gespräche, wo man sich auf Augenhöhe austauscht, sich erinnert, die unterschiedlichen Erinnerungen abgleicht, kritisch nachfragt und zunehmend ein Gespür bekommt, was wir doch aneinander haben.

Manches Mal macht sich da Freude aneinander und Dankbarkeit breit.

Zwei Fragen angesichts des leeren Nests

Zwei Fragen beschäftigen mich zunehmend in dieser Phase, wo sich das Nest leert.

  1. Zum einen überlege ich immer wieder mal, wie es denn war, als ich damals auszog? Ich habe ehrlich gesagt wenig Gedanken darüber gemacht, wie es den eigenen Eltern dabei erging. Das ist okay, und das lässt mich weniger irritiert sein, wenn meine Kinder so fokussiert sind auf das Neue, das erst für sie noch kommt.
  2. Zum anderen frage ich mich – im biblischen Bild gesprochen -, ob es Gott nicht bei der Vertreibung aus dem Paradies ganz ähnlich erging. Meine Kinder sind nicht wie Eva und Adam, und meine Erziehungsbemühungen waren auch kein Paradies. Doch im Ernst: Ich frage mich, ob Gott nicht wollte, dass der Mensch das Paradies verlässt. Gott will nicht nur Wurzeln, er will auch Flügel. Ich denke, der Auszug aus dem Paradies hat schon immer zu seinem Plan dazugehört.
Foto von The Cleveland Museum of Art ↗ auf Unsplash ↗

Was ich durch das «leere Nest» dazugewinne

Ach, und auch mit dem letzten Auszug ist es ja nicht vorbei. Wir bleiben verbunden, mal mehr, mal weniger, mal wie früher, mal auch anders. Was uns verbindet, das bleibt. Wenn auch das Loslassen mir nicht immer einfach fällt, mir auch nicht immer gut gelingt, so merke ich doch auch was ich durch diese Phase des leeren Nestes hinzugewinne:

  • ich höre mehr zu,
  • ich reflektiere mehr und gewinne an Selbsterkenntnis,
  • ich werde kritischer beäugt,
  • ich bitte häufiger um Vergebung,
  • ich warte öfters, bis mal wieder eine Meldung kommt und die Meinen Zeit haben für ihren alten Vater,
  • und vor allem spüre ich mehr Freude und Dankbarkeit.

Ich möchte diese Phase, wo sie mich verlassen, nicht missen.

Das nächste Mal, dass hier jemand ein paar Sterne poliert und zum Glänzen bringt, wäre hier im Podcast dann ab dem 26. August, dann wieder mit Kathrin Bolt!

Dir alles Gute & Gottes Segen!

Portrait Carstel Wolfers

Carsten
Wolfers

Carsten Wolfers ist leidenschaftlicher Podcaster und Hobby-Musiker. Der 52-Jährige lebt mit seiner Familie im Rheintal und arbeitet als Diakon für die römisch-katholische Kirche in Sevelen. In seiner Freizeit philosophiert er gerne über die grossen Fragen des Lebens.