Kürzlich meinte ein Viertklässler zu mir: «Warum ist in der Kirche, in den Gebeten eigentlich mal von Gott die Rede und dann doch immer wieder auch von Jesus?»
Ich finde die Frage super. Es ist spannend, dass ein Viertklässler diese Aufmerksamkeit, diese Cleverness hat zu merken, dass Christ*innen mit ihren Gebeten da eine Art Adressatenproblem haben, mal so, mal anders.
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Mittlerweile habe ich vergessen, was ich meinem Viertklässler in der Situation geantwortet habe, aber die Frage ist mir geblieben. Seitdem achte ich viel besser darauf, wen ich da wie anspreche.
Heute gehe ich dem nach, warum ich es gerne einfach mag, dann werde ich davor erschrecken, dass die Komplexität, auf die mein Viertklässler mich da aufmerksam macht, nur die Spitze des Eisbergs ist, und schliesslich schauen wir, ob nicht gerade das richtig gut ist.
Ich mag es einfach
Ich gebe es gerne zu: Ich mag es einfach.
Je komplexer, je unübersichtlicher die Welt und unsere Lebensweise zu werden scheint, desto einfacher mag ich es.
Meine Agenda hielt ich überschaubar lange bevor Werner Küstenmacher Simply your life herausbrachte.
Meine Wohnung konnte ich ordentlich halten lange bevor Marie Kondo uns das Aufräumen beibrachte.
Das heisst natürlich nicht, dass ich das beständig selber schaffe. Ich merke einfach, wie befriedigend es sein kann das Chaos zu ordnen. Einfach heisst eindeutig, klar, verständlich. Das gefällt mir.

Allerdings muss ich einräumen, dass das nicht überall gut ist.
Wenn ich mir die Welt anschaue, wenn ich unterwegs auf Reisen bin oder wenn ich einfach mal wieder raus in den Garten gehe, dann freue ich mich ja über all das Quirlige, das Wuselige. Ich freue mich über all die Farben und diese Vielfalt an Geräuschen, an Formen und Strukturen und wie das alles miteinander ein wunderbar vielfältiges Ganzes ergibt.

Wenn ich Musik höre oder Kunst ansehe, dann will ich etwas entdecken, will, dass mir langsam dieses grössere Ganze aufgeht.
Einfach wäre ein Lied mit nur einem langen Ton. Einfach wäre ein Gemälde mit nur einer Farbe. Aber das wäre schon ein wenig langweilig.
Darum kann ich akzeptieren, dass zuweilen etwas Kompliziertes, etwas Komplexes besser und schöner ist als bloss Einfaches.
Beispiele von Komplexität
Jesus Christus
Das mag in meinem christlichen Glauben auch der Fall sein. Ein starkes Beispiel dafür ist Jesus Christus. Einerseits ist er der ganz normale Mensch Jesus, mein Bruder, mein Freund, einer, der das menschliche Leben mit Leid und Kreuz ziemlich gut kennt.

Andererseits ist er auch der rettende Christus, ein Gottmensch, der Gottessohn.
Es wäre einfacher, wenn Jesus einfach Gott wäre. Dann hätten wir kein Adressatenproblem, wenn wir Gott mal wieder einen Brief schreiben.
Es wäre einfacher, wenn Christus bloss Mensch wäre, ohne schwer erklärbare Wunder, ohne diesen Anspruch, die Menschheit zu retten.
Bloss wie könnte ein Mensch erlösen, wenn da nicht viel Göttlichkeit wäre? Wie könnte Gott lieben, wenn da nicht viel Menschlichkeit wäre?
Da mag ich diese Polaritäten, diese Dichotomien des Göttlichen und Menschlichen, wo er die zusammenhält.
Menschen: Heilige und Sünder
Ein gutes Beispiel sind wir Menschen.
Einerseits sind wir toll, wunderbar, fast göttlich. Wo doch ein göttlicher Seelenfunke in uns schlummert, wo wir doch im Grund gut sind, da haben wir doch uns unseren Heiligenschein längst verdient.
Andererseits sind Menschen schrecklich. Was da an Unrecht, an Gewalt, an Dummheit, an Bosheit möglich ist. Wir sind Heilige und Sünder, eben beides.
Kennst Du das Lied «Bitch» von Meredith Brooks?
Wenn ich den Titel des Liedes einfach mit «Schlampe» übersetze, dann ist das eher provozierend, einseitig eben. Wenn ich dann aber in die Strophen des Liedes hineinschaue, dann ändert sich mein Bild davon. Viele Facetten einer Identität tauchen auf, wenn Brooks singt:
«Ich bin eine Schlampe und eine Liebende, ich bin Kind und Mutter, ich bin Sünderin und Heilige, ich bin Dir Hölle und Traum. (…). Manchmal bin ich eine Göttin auf Knien. Ich bin komplex, und ich mag mich dafür weder entschuldigen noch schämen. Ich bin halt so.»
– Ich befürchte, nicht nur Meredith Brooks und mir ergeht es so, ich denke mir eher, das ist typisch Mensch. Wir sind so. Wir leben zwischen diesen Polen.
Ich und Wir
Es gibt weitere komplexe Dichotomien, gerade im Glauben. Glaube ist immer eine persönliche, individuelle Entscheidung, und zugleich lebe ich meinen Glauben mit vielen anderen zusammen. Wir sprechen gemeinsam ein Bekenntnis und beten zusammen: «Ich glaube.»
Diesseits und Jenseits
Glaube verbindet immer Diesseits und Jenseits, das Leben hier vor dem Tod einerseits und andererseits das Leben, das nachher hoffentlich erst noch anbricht.
Manchmal wird christlicher Glaube dafür kritisiert, man würde sich zu viel bloss um das Jenseits kümmern und zu wenig um die Not der Menschen, oder man würde sich zu viel in Diesseitiges wie Gesellschaft und Politik, Löhne, Krieg und KI einmischen und solle sich doch eher auf das Jenseitige beschränken.
Ich denke einfach, dass Jesus recht deutlich eher für eine Verbindung von Himmel und Erde einsteht, und dass die Verknüpfung von Gottesliebe und Menschenliebe mich zwischen Diesseits und Jenseits leben lässt.
Balance und Kohärenz
Also akzeptiere ich, dass christlicher Glaube kompliziert ist, ob es um Jesus Christus geht, um Menschen, Ich und Wir oder Diesseits und Jenseits. Es ist so. Dieser «Sachverhalt» ist von diesen Polen geprägt, die ein einer gesunden Spannung zueinander stehen. Beides ist wichtig. Und diese Pole in einer Balance zu halten, das ist besser als all diese Einseitigkeit. Egal, ob es um Gott geht oder den Menschen, um Individualität oder Gemeinschaft miteinander, um dieses oder jene Leben: Die Fülle ist besser und gesünder, als sich da bloss für eine Seite zu entscheiden.

Kürzlich habe ich gelesen, dass Kohärenz den Zusammenhang von scheinbar gegenteiligen Polen meint. Kohärenz ist eine Art Umarmung von all dem, was da bloss auf den ersten Blick als Gegensatz erscheint. Für meinen Glauben mag ich also all dieses Komplizierte, Komplexe, all diese Polaritäten und Dichotomien einfach mal umarmen. Vielleicht ist solche Geistkraft eben heilige Kohärenz.
Zum Schluss: Nein, mein komplizierter Glaube ist nicht einfach. Dennoch will und mag ich sagen: Vieles über Göttliches und Menschliches, über Individuelles und Gemeinsames wird dadurch besser, wird gesünder, wird dadurch auch wieder einfacher.
Manchmal muss man die Gegensätze einfach mal fest umarmen um zu erleben, dass es dann erst richtig gut wird.
Wenn mein Viertklässler also eine Antwort auf die Frage bräuchte, warum manchmal von Gott und dann wieder von Jesus die Rede ist, dann wohl die: «Du hast etwas entdeckt, was Dich ins Herz des christlichen Glaubens führt, wo nicht Gegensätze zerteilen, sondern göttliche Fülle uns umarmt.»
Und während ich jetzt in Keller und Küche zum Aufräumen gehe, freu Dich auf den nächsten Podcast hier am 2. Juli, dann wieder mit Kathrin Bolt!
Dir alles Gute & Gottes Segen!

Carsten
Wolfers
Carsten Wolfers ist leidenschaftlicher Podcaster und Hobby-Musiker. Der 52-Jährige lebt mit seiner Familie im Rheintal und arbeitet als Diakon für die römisch-katholische Kirche in Sevelen. In seiner Freizeit philosophiert er gerne über die grossen Fragen des Lebens.

