Podcast Sternenglanz St.Gallen

Lesedauer: 6 Minuten

#83 Beim Namen nennen

Am 27. März 2026 starb Babu Mahango, ein 20-jähriger Mann aus dem Kongo. Er ertrank auf dem Weg nach Frankreich und wurde von Schleppern auf einer Sandbank liegengelassen.

Diese Nachricht ist leider nicht erfunden.
Sie ist eine von über 72’000. So wie auch diese:

Am 5. April 2026 starb Davy Nteziyirema, ein junger Mann aus Burundi bei uns in der Schweiz. Er beging Suizid aus Angst vor der Ausschiebung, nachdem sein Asylantrag abgelehnt worden war.

Am Wochenende vom 19.-21. Juni werden solche tragische Nachrichten gelesen: 24 Stunden lang, in vielen städtischen Kirchen in der Schweiz und in Deutschland.

Höre diesen Text als Podcast:

«Beim Namen nennen» heisst diese berührende Aktion, die jedes Jahr um den Flüchtlingstag stattfindet und ein Zeichen setzt, in dem sie uns sagt: Es ist nicht würdig, wenn Menschen sterben, und niemand ihren Namen nennt oder ein Begräbnis macht.

Ich weiss, das ist kein leichtes Thema.
Es ist nicht der gewohnte Ton unseres Sternenglanz-Feierabend Podcasts.
Ich möchte trotzdem darüber sprechen, weil:

  • es mir am Herzen liegt.
  • ich bei der Aktion «Beim Namen nennen» trotz der unglaublichen Tragik auch viel «Sternenglanz» erkenne.
Siedlung von jesidischen Geflüchteten im Irak. Foto: Foto von Levi Meir Clancy ↗ auf Unsplash ↗

Flucht und europäische Härte

Aktuell sind weltweit etwa 122 Millionen Menschen auf der Flucht – eine Zahl, die wir uns gar nicht vorstellen können.

Umstände, die wir uns nicht vorstellen können.
Wie gross muss deine Not sein, dass du deine Heimat verlässt, Gewohntes zurücklässt, Menschen zurücklässt! Du losgehst und weisst, du begibst dich in grösste Gefahr.
Viele Menschen finden Zuflucht im eignen Land oder Nachbarland, aber wenn sie sich auf den Weg nach Europa machen, dann wird es richtig gefährlich.

Und es wird immer gefährlicher.

Die Verschärfungen einer überforderten Politik, genannt GEAS – Gemeinsames Europäisches Asylabkommen – regelt den Umgang mit geflüchteten Menschen neu. Und macht die Situation noch viel dramatischer.

Kein Platz mehr in der Schweiz oder in Deutschland? Dann zahlt man lieber Geld nach Ruanda und schickt alle dorthin.
Ähnlich, wie wir nicht mehr wissen, wohin wir mit unserem viel zu vielen Kleidern sollen, die wir nicht mehr tragen, wissen wir nicht, wohin mit den Menschen. Gelöst wird es ganz ähnlich.

Für Geld verschiebt man das Problem zu den Ärmeren. Das ist derart unmenschlich und nicht nachhaltig, dass mir schlecht wird, wenn ich daran denke.

Gerne würde ich es verdrängen.

Mitleid mit «Timmy»

Lieber habe ich dann Mitleid mit einem Buckelwal, der an einer deutschen Küste gestrandet ist und den Rückweg nicht findet, als mit 122 Millionen Menschen, die ich nicht kenne und denen ich sowieso nicht helfen kann.
Ich kenne ja auch die Namen dieser Menschen nicht.
Und ich habe Angst davor, mich mit so einem grossen Problem zu befassen.

Ein Buckelwal. Foto von Thomas Lipke ↗ auf Unsplash ↗

Also denke ich lieber an «Timmy». Dem Buckelwal gab man einen Namen, weil er so wichtig wurde und so viele um ihn hofften und bangten. Timmy, der hilflose, unschuldige Wal, für den alles Mögliche und Unmögliche getan wurde, um ihn zu retten.

Timmy ist gestorben. Und ganz Europa spricht darüber. 72’000 Menschen sind inzwischen auf der Flucht nach Europa gestorben. Und kaum jemand will davon reden.

Höchstens von einem «Problem» spricht man, das man lösen will – mit Verschärfungen, mit Angstmachen. In der Schweiz redet man von einer «Nachhaltigkeitsinitiative» oder von «Einwanderungsbeschränkungen». Aber ganz sicher nicht von Menschen. Menschen mit Namen und Bedürfnissen, Begabungen und Gefühlen.

Ich finde das falsch.

Dass wir Empathie empfinden für einen Buckelwal und uns zusammentun, um ihm zu helfen, das hat etwas Berührendes.
Aber dass wir gleichzeitig abstumpfen, wenn es um leidende Menschen geht, wegschauen und weghören, wenn wir von Push-Back und Pull-Back Verfahren an den europäischen Grenzen hören, wenn Menschen zurückgedrängt werden in den sicheren Tod, das ist unglaublich tragisch.

Stoffstreifen und ein Ort der Erinnerung

Darum ist es wichtig, diese Menschen beim Namen zu nennen. Ihnen dieses kleine bisschen Würde zu geben, in dem wir solche Sätze lesen wie:

Am 7. September 2025 starb Habibi, eine junge Frau, zusammen mit ihrem 6-jährigen Sohn an ihren Verletzungen, nachdem ein Schiff der Küstenwache ihr Boot gerammt hatte.

Bei der Aktion «Beim Namen nennen» wird jeder Name, jede Geschichte auf einen kleinen Stoffstreifen geschrieben. Und diese Stoffstreifen werden nebeneinander und übereinander aufgehängt, sodass sie an den Wänden vieler Kirchen wehen und gewürdigt werden.

In meiner Stadt St. Gallen kamen traurigerweise so viele Namen zusammen, dass es nicht mehr genügend Raum gibt, um all die Stoffstreifen aufzuhängen. Ausserdem wurden die Fähnchen vergangenes Jahr beschädigt. Viele landeten im nassen Asphalt, man ist unsicher, ob es bewusste Beschädigung war oder ein Unwetter.

Nun wurden all diese Stoffstreifen aber nicht weggeworden, sondern es entstand ein berührendes Kunstwerk auf einem städtischen Friedhof. Ein Ort des Erinnerns, der dieses Jahr eingeweiht wird.
Das Kunstwerk, das aussieht wie ein Segel der Hoffnung, hat ein Menschen gemacht, der selber geflüchtet ist, der junge syrisch-palästinensischen Künstler Ahmad Al Rayyan ↗.

Hinter jedem Namen steht eine Geschichte.
Hinter jedem Namen stehen Begegnungen. Hoffnungen. Möglichkeiten.

Von Gott beim Namen gerufen

Wenn bei uns ein Kind geboren wird, sind in der Regel Eltern da, die sich viel Mühe geben, den passenden Namen zu finden:
Soll das Töchterchen Lea heissen? Laura? Oder Lina?

Den Namen, den die Eltern aussuchen, wird die Tochter von da an sehr oft hören. Wenn sie gerufen wird. Wenn sie angesprochen wird. Wenn sie jemanden kennen lernt und sich vorstellt: «Ich bin Laura».

Ihr Namen begleitet Laura ein Leben lang. Und wenn sie einst stirbt, schreibt man ihren Namen auf einen Grabstein. Oder auf ein Kunstwerk beim Gemeinschaftsgrab. Oder der Name wird zumindest genannt, wenn die Angehörigen trauern und Laura verabschieden.

In einem Bibelvers, den ich gern bei der Taufe und bei der Beerdigung lese, heisst es, dass Gott sagt:

«Fürchte dich nicht. Ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du gehörst zu mir.»

Jeder Mensch hat es verdient, beim Namen genannt zu werden.
Darum berührt mich die Aktion «Beim Namen nennen».

Ich nehme mir gerne Zeit, Namen und Geschichten auf die kleinen Stoffstreifen zu schreiben, auch wenn ich dabei jedes Mal weinen muss.

Meine Tränen haben die Menschen, die unter so schlimmen Umständen gestorben sind, verdient, mindestens so sehr wie der Wal «Timmy».

Ich hätte nichts dagegen für Timmy auch einen kleinen Stoffstreifen zu schreiben:

Timmy, ein 5-jähriger Buckelwal, starb Mitte Mai bei der dänischen Insel Anholt. Sein Versuch, wieder ins Meer zu schwimmen, ist gescheitert.

Timmy hat unser Mitgefühl verdient.
Doch nicht mehr und sicher nicht weniger jeder Name, der auf einem Stoffstreifen steht. Oft auch als N.N. – no name, Name unbekannt. Bekannt ist allein die Tatsache: Ein weiterer Mensch ist ertrunken. Erstickt. Verdurstet.

N.N.: Oft ist der Name der verstorbenen Person nicht bekannt.

Die Not beim Namen nennen

Wir dürfen nicht aufhören, uns davon berühren zu lassen, auch wenn die Ohnmacht gross ist und das das Gefühl: «Wir können nichts tun».

Aber wir können die Not beim Namen nennen.
Und mit der Aktion «Beim Namen nennen» können wir einen kleinen Beitrag leisten gegen unsere Ohnmacht. In dem wir jedem Leben einen kleinen Stoffstreifen widmen, einen kurzen Gedenkmoment und unsere Zusicherung: «Du bist es wert, beim Namen genannt zu werden.»

Das ist für mich ein bisschen wie Glanz in der Nacht der Welt.

Stoffstreifen und Rosen an der Laurenzenkirche. Foto: Katholisch St.Gallen ↗

Beim Namen nennen in deiner Stadt

Vielleicht findet in deiner Nähe die Aktion «Beim Namen nennen» statt.
Bei uns findest du alle Infos zur Aktion und dazu, wo du Namen schreiben oder lesen oder beim Stoffstreifen aufhängen mithelfen kann.

Mehr erfahren:

Fragen für dich zur Reflexion

Was bedeutet dir dein Name?
Hörst du ihn gern?

Vielleicht magst du an die vielen Menschen denken, deren Namen du kennst und die dir wichtig sind. Und vielleicht auch an diejenigen, deren Namen du nicht kennst. Und die trotzdem wichtig sind.

Den nächsten Sternenglanz-Podcast hörst du am 18. Juni mit Carsten.

Bis dahin, mach’s gut und schau gut zu dir.

Portrait Kathrin Bolt

Kathrin Bolt

Kathrin schreibt und spricht leidenschaftlich gerne. Die 44-Jährige lebt mit ihrer Familie in St.Gallen und arbeitet als Pfarrerin in der evangelisch-reformierten Laurenzenkirche. In ihrer Freizeit spielt sie Theater.