Podcast Sternenglanz St.Gallen Carsten Wolfers

Lesedauer: 6 Minuten

#82 Warum ich mich freiwillig engagiere – trotz voller Agenda

Alle sind auf der Suche nach Freiwilligen, und alle stellen fest, die wachsen nicht auf Bäumen.

Lange musste ich mir selbst sagen, dass ich es schlicht nicht schaffe, mich irgendwo freiwillig zu engagieren: Da ist der Beruf mit den wechselhaften Arbeitszeiten, da ist die Familie mit den wechselhaften Bedürfnissen. Daneben bleibt nicht mehr viel Zeit und Kraft, um sich irgendwo anders noch einzubringen.

Seit ein paar Jahren gibt es allerdings eine Ausnahme: Ich helfe gelegentlich bei der Kirche Kunterbunt im Zentrum von St. Gallen.

Höre diesen Text als Podcast:

Kirche Kunterbunt ist ein Programm für die ganze Familie, wo Kirche mal nicht nach Schule, Museum oder Konzerthaus schmeckt, sondern eher nach Spielplatz oder Spielwiese.

Als Freiwilliger mache ich nichts Besonderes: Ich helfe mit der Musik, gelegentlich auch mal mit einem Bastelworkshop, ich besorge irgendwo irgendein Zeug. So wirklich klar, was ich da tue, ist das gar nicht. Ich kann und darf mich etwas im Hintergrund halten und mache, was gerade gebraucht wird oder wo eine Lücke auftaucht.

Carsten Wolfers hilft als Freiwilliger bei der Kirche Kunterbunt in St.Gallen mit. Foto: Kirche Kunterbunt.
Carsten Wolfers hilft als Freiwilliger bei der Kirche Kunterbunt in St.Gallen mit. Foto: Kirche Kunterbunt.

Heute will ich davon erzählen, warum ich mich dort engagiere und warum das vielleicht nicht die gängigsten Gründe für Freiwilligenarbeit sind.

Nicht die «normalen» Anreize für Freiwilligenarbeit

  • Man sagt, Freiwilligenarbeit müsse gewürdigt werden…

Eigentlich bekomme ich da für mein Engagement wenig Anerkennung, keine Karte, kein Präsent. Es ist schon ein paar Jahre her, dass wir zusammen beim Dankesessen waren. Aber ansonsten habe ich den Eindruck, dass wir als Team dort das nicht so brauchen. Sich müde und geschafft nach allem Aufräumen kurz in den Arm zu nehmen ist da irgendwie wichtiger als all das Schulterklopfen und all die Lobhudelei.

  • Man sagt, bei Freiwilligenarbeit müsse die Aufgabe klar beschrieben sein…

… damit man auch weiss, was geht, was gebraucht, was erwartet wird. Ein kleines Dossier habe ich bei meiner Freiwilligenarbeit nie bekommen. Das ging eher in der Art von «Kannst du mal eben?» und «Mach halt mal irgendwas». Seltsamerweise hat das bislang erstaunlich gut funktioniert.

  • Man sagt, Freiwilligenarbeit solle den eigenen Talenten entsprechen…

… dass man sich mit einem eigenen Talent auch einbringen kann. Nun kann ich in der Tat Lieder auf der Gitarre begleiten, aber ob das mein Talent ist? Ich weiss nicht… Für mich ist das keine hohe Kunst, eher so etwas wie Handwerk. Das tönt noch nicht einmal sonderlich schön, aber etwas rockig und «geil und laut». Ich glaube von mir, dass ich nicht zum Animateur geeignet bin.

Kunst oder Handwerk? Carsten Wolfers spielt Gitarre bei der Kirche Kunterbunt in St.Gallen. Foto: Kirche Kunterbunt.
Kunst oder Handwerk? Carsten Wolfers spielt Gitarre bei der Kirche Kunterbunt in St.Gallen. Foto: Kirche Kunterbunt.

Kinder und gar Eltern für das Singen oder das Basteln zu begeistern, das bekomme ich irgendwie hin, aber mein Talent ist das eher nicht.

Meinen Fähigkeiten nach könnte ich auch eher eine Predigt schreiben, komplizierte Strukturen durchleuchten und Strategien entwickeln, noch ein philosophisches Buch schr eiben. Was ich sagen will: Kinderbelustigung ist nicht meine Kernkompetenz.

Wenn also die gängigen Anreize für Freiwilligenarbeit bei mir in diesem Fall gar nicht greifen, warum mache ich das?

Sinn & Zweck

Ich engagiere mich bei der Kirche Kunterbunt, weil ich da ganz viel an Kreativität, an Freude und Zufriedenheit erlebe. Wie gesagt, ich arbeite da eher im Hintergrund mit, aber zu erleben, wie die anderen dort eine Kreativität entwickeln, wie sie Ideen ausbrüten und umsetzen, wie sie die Dinge einfach auch mal anders machen, das allein aus der zweiten Reihe heraus mitzuerleben, ist für mich sinnvoll.

Viel Kreativität bei der Kirche Kunterbunt.
Viel Kreativität bei der Kirche Kunterbunt.

Ich mag ja Routine und Ordnung, aber auf Dauer ist das zu langweilig, und dann tauche ich gerne mal in diese Atmosphäre ein, wo etwas neu geschaffen und zusammengesetzt wird.

Ich erlebe dort viel Freude. Es wird bei der Kirche Kunterbunt doch sehr viel gelacht! Da sehe ich viele erwartungsvolle, strahlende Gesichter, egal ob vorne auf dem Platz, wenn die Familien langsam eintrudeln, ob bei den verschiedenen Ateliers, in dem Saal, wo wir unsere Gebetszeit machen, oder in dem Raum, wo wir nachher essen. Ich sehe dort viel Freude, allein schon, wenn jemand mal wieder ein Dessert mitgebracht hat oder wie die Leute in der Küche bei der Arbeit sind.

Freiwillige helfen, das Essen zuzubereiten. Foto: Kirche Kunterbunt.
Freiwillige helfen, das Essen zuzubereiten. Foto: Kirche Kunterbunt.

Sinn und Zweck ist dort ja, dass Familien Kirche und Glaube auf eine spielerische Art leben, die ihrem Alter, ihrer Lebenssituation als Kinder und Eltern gerecht wird. Wenn ich nach so einem Event sehe, wie etliche Familien mit grosser Zufriedenheit ihre Jacken anziehen, ihre Schuhe suchen, ihre Kunstwerke einsammeln, die Kinder nochmals durchzählen, dann sehe ich da viel Zufriedenheit, so viel, dass ich mir sage: «Das hat jetzt insgesamt seinen Sinn und Zweck erfüllt.»

Und auch ich bin zufrieden, in diesem chaotischen Getriebe ein kleines Rädchen zu sein. Dieses Engagement erlebe ich deswegen auch als sinnvoll.

Kreativität wird bei der Kirche Kunterbunt grossgeschrieben. Foto: Kirche Kunterbunt.
Kreativität wird bei der Kirche Kunterbunt grossgeschrieben. Foto: Kirche Kunterbunt.

Entwicklung & Fortschritt

Es gibt noch einen anderen Grund, warum ich dort mithelfe. Ich habe den Eindruck, da teilzuhaben an einer Entwicklung, die wirklich nach vorne geht. Ich sehe da Fortschritte, und das ist ja in dem traditionsbewussten Club Kirche, in dem ich sonst viel tue, nicht selbstverständlich. Vieles an Kirche Kunterbunt ist einfach erfrischend innovativ. Da lerne ich noch mal neu, nicht, dass die Kleinen die kleine Version machen sollen von dem, was sonst die Grossen tun, sondern was Kinder einfach gerne machen.

Foto: Kirche Kunterbunt
Foto: Kirche Kunterbunt

Ich glaube auch, dass das gerade in der Kirche einen Mentalitätswechsel mit sich bringt…

  • weg von: «Wir müssen jetzt alle schön brav und leise sein!»
  • hin zu: «Wir singen und trommeln und bewegen uns jetzt mal alle so sehr, dass die Wände wackeln!»
  • weg von: «Das musst Du jetzt mal machen!»
  • hin zu mehr: «Was würde dir gefallen?», «Wie würdest du das umsetzen?»

Und ich kann in diesem Projekt mitbekommen, wie es gelingt, auch Kirchenferne anzusprechen, so dass diese gerne kommen und sich auf das Ganze neu einlassen. Das mitzubekommen und zu erleben, dass manches in Bewegung gerät, was uns gewinnen lässt, das tut richtig gut und motiviert mich, mich dort freiwillig einzubringen.

Übrigens: In St. Gallen findet am 13. Juni ein «Familienfest Kirche Kunterbunt» statt. Kathrin ist bei der Segensdusche in der St. Laurenzenkirche dabei, ich bin beim Müll-Bastel-Workshop im Ordinariatsflügel im Klostergebäude. Vielleicht sehen wir uns dort!

Die Anreize, mich bei der Kirche Kunterbunt freiwillig zu engagieren, sind also, dass ich das Ganze dort als sinnvoll und zweckmässig erlebe und dass ich dort teilnehmen kann an einer Bewegung und Entwicklung, die nach Zugewinn schmeckt. Letztlich allerdings würde ich sagen: Ich begegne dort vielen tollen Leuten und mit denen bin ich wirklich gerne ein klein wenig unterwegs. Wegen dieser Menschen helfe ich dort freiwillig.

Und du?

  • Was motiviert dich selbst, dich freiwillig irgendwo und irgendwie einzubringen?
  • Bringst du dein Talent ein oder hilfst du einfach mit, als Teil von etwas bewegend Grösserem?
  • Sind es tolle Menschen, die dich angesprochen oder dich einfach mal mitgenommen haben?

Und wenn du dich nicht freiwillig irgendwo engagierst: Was bräuchte es und wo würdest du vielleicht doch mal dein ganzes Potential freiwillig entfalten?

Dir alles Gute & Gottes Segen!

Unseren nächsten Podcast hörst Du hier dann ab dem 4. Juni, dann wieder mit Kathrin Bolt.

Dir alles Gute & Gottes Segen!

Portrait Carstel Wolfers

Carsten
Wolfers

Carsten Wolfers ist leidenschaftlicher Podcaster und Hobby-Musiker. Der 52-Jährige lebt mit seiner Familie im Rheintal und arbeitet als Diakon für die römisch-katholische Kirche in Sevelen. In seiner Freizeit philosophiert er gerne über die grossen Fragen des Lebens.