«Guten Morgen, alles gut – kein Stress, kein Problem!»
Kennst du dieses ziemlich einfältige kurze Lied?
Ich kannte es bis vor kurzem nicht. Dann kam ein Freund auf mich zu – der zufällig auch Kommunikationsbeauftragter unserer Kirche ↗ ist – und meinte: «Ich habe eine Instagram-Challenge für dich!»
Bei einer Insta-Challange habe ich bisher nie mitgemacht. Und hatte es auch nicht vor.
Aber als mein Freund mir verschiedene Kurzvideos mit dem lustigen Tänzchen zeigte, war ich recht begeistert: Feuerwehrmänner, Pflegerinnen, ganze Familien, Schulklassen oder Sportvereine – alle scheinen dieses Tänzchen zu können. Es sieht lustvoll aus. Und zumindest abgesehen vom letzten Sprung-Schritt gar nicht so schwer.
Höre diesen Text als Podcast:
«Das schaffen wir!», sagte ich und wir beschlossen, dass ich mir zwei bis drei Kolleg*innen, also auch Pfarrer*innen suche, die mit mir tanzen.
Ich fragte zwei aus meinem Team, die sofort begeistert waren. Und wir beschlossen, am nächsten Tag zu üben. Du meine Güte… das war ganz schön schwer! Wir sahen die Kurzvideos sicher zwanzig Mal, fanden dann einen Weg, um sie langsam zu schauen und übten und übten. Den ersten Schritt hatten wir irgendwann einigermassen synchron. Aber je cooler und einfacher die Sprünge bei den Filmchen ausschauten, desto weniger konnten wir sie nachmachen.
«Nun übt eben jede von uns noch für sich allein», beschlossen wir. «Und in drei Tagen filmen wir.»
Ich ging nach Hause, zeigte das Filmchen meinen Kindern, und auch wir versuchten vergebens, alle Schritte rechtzeitig auf die Musik zu bringen.
Die Überraschung: «Das ist KI!»
Schliesslich bat ich meine 19-jährige Nichte, mir beim Üben der Tanzschritte zu helfen. «Kennst du diese Challange»? fragte ich sie. Erste Enttäuschung: Nein. Obschon sie viele Stunden am Handy verbringt, vielleicht mehr auf Tiktok als Insta, hatte sie das Tänzchen noch nie gesehen. Das sagt vermutlich etwas über mein Alter und das unseres Kommunikationsbeauftragten aus.
Meine Nichte schaute sich das Filmchen an. Und sagte nach etwa drei Sekunden: «Das ist KI!» Sie lachte. Und ich war sehr erstaunt. «Was? Bist du sicher?»
«Aber ja», sagte meine Nichte: «Sieh dir die Hosen dieser Menschen an. Und hier: 20 Kinder! Die könnten doch nie so synchron tanzen.»
Ach so. KI. Ich war für einen kurzen Moment geschockt. Was soll das für eine Challenge sein, wenn am Ende KI die Arbeit macht? Und: Wie kann es sein, dass ich es nicht gemerkt hätte, ja NIEMALS auf die Idee gekommen wäre, dass es gefälscht ist?
Ich schrieb meinen Kolleg*innen und meinem Freund diese neue Info: «Alles KI!!»
Und ich war froh, dass die Menschen meines Alters ebenfalls erstaunt feststellten: «Ahaaaaa. Darum sieht es bei allen so perfekt und easy aus.»
Wie sollten wir also weitermachen?
Wir beschlossen, es ohne KI zu versuchen, aber dann doch auch eine Version mit KI zu machen und beides auf Instagram zu stellen. Am Tag der Aufnahme fragten wir noch einen Kollegen, der zufällig mit uns in der Kirche war, ob er spontan mittanzen möge. Unsere Tanzversuche waren chaotisch und alles andere als elegant oder synchron. Wir tanzten mit unseren Talaren, also den liturgischen Kleidern, die wir als Pfarrerinnen und Pfarrer in den Gottesdiensten tragen. Es machte Spass. Aber das Resultat blieb sehr mager. ↗
Und das Krasse: Unser Kommunikationsbeauftragte bearbeitete alles mit KI. Und stellte es auf Insta ↗. Es sieht perfekt aus. Witzig und schön, dynamisch.
Innerhalb von drei Tagen erreichten wir mit dem kurzen Video über 100’000 Views! Und ich weiss nicht, ob ich mich darüber freuen oder mich sorgen soll…
Damit erreichen wir Menschen? Mit gefakten Tänzen?
Inzwischen weiss ich, dass nicht nur der Tanz, sondern auch das Lied selbst KI ist. Darum ist wohl der Text auch ziemlich schräg: «Guten Morgen, alles gut. Kein Stress, kein Problem. Kein Geld, aber alles gut. Ich doch nicht kaputt»
Ich schaue mir das Video immer wieder an. Weil es so dynamisch und perfekt ist.
Weil ich mich gleichzeitig davon inspirieren und distanzieren will.
- Inspirieren darin, dass es sich lohnt, sich als Berufsteam eine lustige Challenge zu suchen und etwas auszuprobieren.
- Und distanzieren, weil ich mich nicht damit abfinden möchte, dass KI uns für dumm verkauft. Oder uns weismacht, es müsse immer alles perfekt sein.
Unser Leben ist doch alles andere als perfekt und auch das Scheitern gehört dazu.
Wo doch Fehler oder Fehltritte gerade beim Tanzen auch sympathisch sein können.
Ein Stück Musik von Hand gemacht
Mir ist – als Gegenbild zu dieser kleinen Tanz-Challenge – ein Lied von Reinhard Mey in den Sinn gekommen, aus dem Jahr 1986, lange Zeit bevor künstliche Intelligenz so verbreitet war wie heute. «Das Lied spricht genau in unser heutiges Dilemma:
«Da lob ich mir ein Stück Musik von Hand gemacht.
Noch von einem richtigen Menschen mit dem Kopf erdacht.»
Reinhard Mey singt weiter von einer Gitarre, die noch wie eine solche klingt, die man anfasst, von einer Stimme, die so klingt, Musik aus Fleisch und Blutund dass eben auch mal ein Fehler passieren darf. Genau das tut gut, wenn Fehlern und Scheitern dazugehören darf, wenn etwas von Hand gemacht, von Menschen gemacht ist.
Sehnsucht nach Echtheit
Bei aller Freude an dieser «Tanz-Challenge» und dem Ausloten von den spielerischen Möglichkeiten, die uns die künstliche Intelligenz verheisst, spüre ich eine neue Sehnsucht nach Echtheit, Wahrheit, Schlichtheit und Menschlichkeit.
Eben nach Musik oder Tanz von Hand oder Fuss gemacht.
Wie geht es dir damit? Welche Erfahrungen hast du schon mit KI gemacht?
Hast du auch Sehnsucht nach Leben, das nicht künstlich und doch intelligent ist?
Das wars mit der heutigen Sternenglanz-Folge.
Den nächsten Podcast hört ihr am 21. Mai mit Carsten.
Bis dahin, mach’s gut und schau gut zu dir.

Kathrin Bolt
Kathrin schreibt und spricht leidenschaftlich gerne. Die 44-Jährige lebt mit ihrer Familie in St.Gallen und arbeitet als Pfarrerin in der evangelisch-reformierten Laurenzenkirche. In ihrer Freizeit spielt sie Theater.

