Ich war kürzlich in der Villa Flora in Winterthur ↗, einem schönen Museum mit vielen Bildern der vorigen Jahrhundertwende.
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Wie ich durch die Räume laufe und mir die Bilder ansehe, komme ich in einen Raum, wo die Rahmen der Bilder sich ändern. Erst bin ich irritiert, dann überlege ich, warum die Rahmenart hier wechselt.

Die eine Art Rahmen schwer, breit, holzgeschnitzt und vergoldet. Viele alte, bedeutungsschwere Gemälde werden von diesen Rahmen gefasst. Da ist Handwerk. All diese Rahmen sind Unikate, man sieht, dass gesägt und gefeilt wurde. Meist wurden diese Rahmen gerade für dieses Gemälde angefertigt, also eine Art Massanzug. Das passt genau. Da passt auch – meistens – der Inhalt mit dem Rahmen gut zusammen. Ein Klebehaken passt da nicht, zum Aufhängen solcher Bilder braucht es da eher die grosse Bohrmaschine. Das ist vermutlich auch der Grund, warum solche Rahmen im Museum hängen und nicht bei mir daheim.

Die andere Art Rahmen ist schmal, leicht, aus schlichtem Holz. Ich bleibe vor einem Bild stehen. Irgendwann leuchtet mir ein, dass es sich hier ja nicht mehr um ein schweres Ölgemälde handelt, sondern lediglich um eine Tuschezeichnung. Im nächsten Raum der Villa Flora hängen die gleichen, leichten Rahmen für eine Reihe von Aquarellen. Solche Rahmen hängen auch bei mir daheim.
- Wie haben diese Bilder wohl ohne Rahmen auf der Staffelei ihrer Künstler*innen gewirkt?
- Oder wie wirken sie anders, würde man spasseshalber mal die Rahmen wechseln?
- Was würde passieren, wenn man zum Beispiel das Bild «Der Sämann» von Vincent van Gogh in einen schlichten Rahmen hängen oder den Rahmen weglassen würde?
Da würde ich gerne die Museumsbesucher*innen beobachten und ihre Reaktionen sehen. Das gehört wohl zum Handwerk der Rahmen, das Bild richtig in Szene zu setzen, seine Bedeutung zu unterstreichen.
Rahmen und der Inhalt des Bildes müssen zusammenpassen.
Wie Raum und Musik auf uns wirken
Kleiner, oder eher grosser Szenenwechsel.

Ich war zu Ostern in einer grossen, alten Kirche zu Besuch. Allein durch den Kirchenraum wurde mein Blick nach oben gelenkt. Und mein Gebet war: «Mein Gott, wie gross, wie weit du doch bist, so hoch erhaben!» Der Raum gab mir den Eindruck, dass Gott der Allerhöchste ist, mir Weite und Raum schenkt, dass da etwas so viel Grösseres ist, und ich kleiner Mensch darf in dieser Weite sein. Ich fühlte mich geborgen und aufgehoben in diesem weiten Raum.
Dann fiel mein Blick auf die Ornamente, auf den Schmuck. Da war viel schwer vergoldet.
Manches kam mir so bombastisch und imposant vor, so triumphal, dass ich mich frage, ob sich Jesus und seine Jünger*innen, dieser Zimmermann und seine Fischerkolleg*innen sich da wohl gefühlt hätten. Passt der Rahmen eines pompösen Kirchenraumes zu diesem Inhalt? Eher nicht.
Ähnlich ergeht es mir zuweilen mit der Kirchenmusik. Ich trage diese Kindheitserinnerung mit mir herum, dass die alte Pfarrkirche mit vielen Männerstimmen gefüllt war. Die konnten mit Inbrunst und Stolz in der Brust Lieder singen wie «Grosser Gott, wir loben dich» oder «Fest soll mein Taufbund immer stehen». Da hat der Saal gewackelt. Ich meinte die Vibration zu spüren. Das war stark und kräftig.

Diese Erinnerung kommt jedes Mal wieder hoch, wenn manche Organisten für die letzte Strophe alle Register ziehen. Die Musiker*innen an der Kirchenorgel geben den Strophen, die wir da singen, gerne verschiedene Töne, was wunderbar ist. Bei der letzten Strophe scheint mancher noch mal alles geben zu müssen. Da wird nochmal richtig in die Tasten gehauen, da wird die Lautstärke aufgedreht, als müsse man da einen Endspurt kurz vor dem Weltgericht vollziehen.
Das tönt für mich oft zu triumphal, zu bombastisch. Ich bin verunsichert, denn drückt die Lautstärke jetzt aus, dass Gott gross ist, oder dass ich mich wichtig fühle? Das erinnert mich eher an jene Autofahrer, die meinen beim Anfahren den Motor aufheulen lassen zu müssen, um zu zeigen, wie toll sie sind. Passt der Rahmen einer imposanten, pompösen Kirchenmusik zum Inhalt?
Ich frage mich, ob diese Art des Musizierens und Singens noch in unsere Zeit passt. Auf dem spirituellen Markt ertönen ja auch eher sanfte Klangschalen oder gefühlsechter Worship als gewaltige Orchester mit Beethoven und Händel.

Was mir hilft, den für mich passenden Rahmen zu finden
Kleiner Szenenwechsel. Geschmack und Stil bei Kunst, bei Innenausstattung und Musik können verschieden ausfallen. Wenn ich dicke Goldrahmen, bombastische Deko oder zu laute Musik erlebe, dann frage ich mich schlicht, warum mich das zuweilen stört. Vielleicht, wenn es mir um die eigene Seele, um das eigene Herz, um das eigene Selbst geht, da mag ich es einfach gerne etwas leiser.
Ich mag Einfachheit. Ich schätze Bescheidenheit. Ich bewundere Demut. Ich mag kein Protzen und Posen.
Wenn ich mich also frage, welchen Rahmen ich für mich brauche, um meine Persönlichkeit gleichsam zusammenhalten, dann wähle ich lieber einen schlichten, einfachen Rahmen, keinen schweren, imposanten. Da kann ich viel eher sagen: Das bin ich. Das gehört zu mir. Da fühle ich mich richtig. Das passt zu dem, was in mir vor sich geht.
Über Lebensphasen, ja Lebensalter hinweg an mir selbst zu erleben, wie der Rahmen sich auch mal verändert, weil ich mich verändere, das interessiert mich. Da lerne ich mich nochmals besser kennen.
Da spüre ich nach, wie es mir mit mir ergeht, wie zufrieden, wie unzufrieden ich mit mir bin, wie ich mich sehe, wie andere mich sehen sollen, und wie das für mich alles zusammenhängt.

Wenn ich nun hingehe und irgendein Foto aus einer ganz bestimmten Lebensphase zur Hand nehme, welchen Rahmen würde ich dafür wählen? Den einen schweren, vergoldeten, einmaligen, den leichten, schmalen, schlichten? Oder mal etwas ganz anderes?
Das nehme ich mit von meinem Museumsbesuch: Egal welche Gemälde ich mag, wie ich mich in Räumen erlebe oder welche Musik mich wirklich bewegt, ich sorge mich, ob mein Rahmen zu mir passt. Und vielleicht wechsle ich auch mal meinen Rahmen oder lass ihn weg, weil der Inhalt ganz allein für sich stehen kann.
Dir alles Gute & Gottes Segen!

Carsten
Wolfers
Carsten Wolfers ist leidenschaftlicher Podcaster und Hobby-Musiker. Der 52-Jährige lebt mit seiner Familie im Rheintal und arbeitet als Diakon für die römisch-katholische Kirche in Sevelen. In seiner Freizeit philosophiert er gerne über die grossen Fragen des Lebens.

