Kennst du den Tanz des Kranichs?
Ich kenne ihn auch noch nicht lange!
Vor einigen Tagen ging ich zur Supervision. Als meine langjährige Begleiterin mich fragte, wie es mir gehe, antwortete ich: «Ich finde es gerade schwierig, mich selbst zu spüren».
Höre diesen Text als Podcast:
Wir tauschten uns also darüber aus, wie man sich selbst spüren kann und merkten: Am besten geht das über den eigenen Körper. Schritt für Schritt schauten wir, wo im Körper ich mich selbst am besten spüre. Das ist bei mir die Herz- oder Bauchgegend. Dazu legte ich meine Hand auf den Bauch und atmete mehrmals tief durch.

Nach einer Weile meinte meine Supervisorin:
«Und jetzt tanzen wir den Kranich!»
Wir atmeten tief in den Bauch, hoben die Arme wie Flügel nach oben und standen nur auf einem Bein. Wieder und wieder. Schritt für Schritt tanzt man plötzlich wie ein Kranich…
Es ist eine Übung aus dem Qui Gong, die den ganzen Körper und den Atemraum öffnet, hilft, die Balance zu halten. Und vor allem macht sie wahnsinnig viel Spass!
Seither schaue ich mir Filme von Kranichen an, die tanzen.
Es ist unglaublich: Einer fängt an, der nächste macht mit. Und manchmal sind es ganze Schwärme, die tanzen. Es ist eine Art Balz-Tanz, sie spielen sich auf und zeigen, wie cool sie sind. Der Tanz ist aber auch pure Lebensfreude.
Kraniche können 70 Jahre alt werden. Ich finde, das ist echt eine Ermutigung, viel mehr zu tanzen!
Warum ein kleines Mädchen in Japan Kraniche faltete
Diese Supervisions-Stunde fand an einem Montagvormittag statt. Meine nächste Station war das Friedensgebet in unserer Stadtkirche St. Laurenzen. Da findet im Moment jeden Montagmittag ein Friedensgebet statt.
Innerlich noch ganz beflügelt (im wahrsten Sinne des Wortes) schritt – oder besser – flog ich zur Kirche.

Und was sehe ich? Kraniche! Überall. Auf jeder Kirchenbank und vorne neben den Kerzen. In den unterschiedlichsten Grössen und Farben. Lauter Kraniche.
Natürlich waren es keine echten Kraniche, sondern sogenannte Origami, die gefalteten Tiere nach einer japanischen Tradition.
Mein Pfarrkollege, der an diesem Montag das Friedensgebet leitete, hatte die gefalteten Kraniche mitgebracht. Er erzählte die Geschichte von Sadako Sasaki ↗: einem Mädchen, das den schrecklichen Atombomben-Abwurf in Hiroshima knapp überlebt hatte. Das war am 6. August 1945, Sadako war damals zweieinhalb Jahre alt.
Sie entkam der Bombe mit ihrer Familie und wuchs zunächst auf, mehr oder weniger ohne die Folgen des radioaktiven Befalls zu bemerken. Doch dann wurde sie schwer krank.
Und weil es in Japan die Legende gibt, dass man einen Wunsch frei hat, wenn man 1000 Kraniche faltet, fing sie damit an. Eine Freundin brachte ihr Origami-Papier ins Spital, so wird erzählt. Und Sadako faltete einen Kranich nach dem andern. Mehr als 1000 Kraniche hat sie geschafft. Der Wunsch, weiterzuleben ging leider nicht in Erfüllung.
Doch die Geschichte von Sadako bewegte und ging rund um die Welt.
Sie bekam ein eigenes Friedensdenkmal ↗, das ein Mädchen zeigt, das einen grossen Kranich fliegen lässt. Ein Kranich, so gross, wie die tanzenden Kraniche, von denen ich am Anfang gesprochen habe.
Noch heute werden in Japan viele Kraniche gefaltet im Gedenken an Sadako.
Verbunden mit der Hoffnung, dass der Wunsch nach Frieden, nach Leben doch in Erfüllung geht. Und dass so etwas wie damals in Hiroshima nie wieder passiert.
Raus aus der Ohnmacht
Nun hörte ich also an einem Tag zweimal von den Kranichen.
Und beides inspirierte mich: Der Tanz. Und das Falten.
Beides gibt mir die Möglichkeit aus meiner Ohnmacht zu kommen!
Und beides hilft mir, mich selbst zu spüren. Im Hier und Jetzt und im eigenen Körper anzukommen.
So kann ich falten. Und mich entfalten.
Statt zu denken: Es geht nicht weiter, fange ich an zu tanzen.
Gerade jetzt im Frühling hilft mir das, Lebenslust zu fühlen und etwas Leichtigkeit ins Leben zu bringen.
Statt Nachrichten zu sehen und zu erstarren, versuche ich jetzt, einen Kranich zu falten.

Ich bin nicht begabt in so was. Aber ich habe Lust, es auszuprobieren. In meiner Fantasie falte ich jetzt auch 1000 Kraniche. Und verschenke sie überall: Lege sie auf Schreibtische, stecke sie in Briefkästen, verziere ein Kopfkissen.
In der Realität werden es bei mir vermutlich keine 1000 Falttierchen werden.
Eher noch tanze ich jeden Tag ein paar Kraniche… Aber ein Versuch ist es wert.
Vielleicht hast du auch Lust bekommen, Kraniche zu falten und zu verschenken. Oder zu tanzen.
Bestimmt kann man sie auch malen, mit Musik darstellen oder ein Kranich-Guezli backen.
Ich glaube, unsere Welt könnte ein bisschen mehr Kraniche vertragen.
Soviel für heute.
Den nächsten Podcast hörst du am 23. April, dann wieder mit Carsten.
Bis dahin, mach’s gut und schau gut zu dir.

Kathrin Bolt
Kathrin schreibt und spricht leidenschaftlich gerne. Die 44-Jährige lebt mit ihrer Familie in St.Gallen und arbeitet als Pfarrerin in der evangelisch-reformierten Laurenzenkirche. In ihrer Freizeit spielt sie Theater.

