«Endstation! Bitte alle aussteigen!», so tönt es manchmal am Schluss einer Busfahrt, am Ende einer Zugreise. Ich bin mir da nicht so sicher, ob das ein schöngefärbter Rauswurf ist: Es tönt freundlich, durchaus, aber die Reise endet, unbedingt. Das ist okay. Nur leider wird die Endstation so leicht ihr negatives Image nicht los. Irgendwann ist die Reise aus und vorbei, und dann muss ich raus.
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Endstation Sehnsucht
Ich hege den Verdacht, dass das mit dem Theaterstück «Endstation Sehnsucht» ↗von Tennessee Williams zu tun hat. Es handelt sich dabei um ein Beziehungsdrama, um Probleme, um Streit, um Konflikte. Die ganze Handlung schreibt sich in einer Negativspirale immer weiter, hin zu einer grossen, schrecklichen Katastrophe am Ende.
Die Sehnsucht führt immer weiter zu schlechten Entscheidungen, ist Antrieb zu schlechten Entwicklungen, und das Ganze treibt unaufhörlich immer weiter zur Endstation hin.
Mehr als das tragische Ende fasziniert mich an dieser Geschichte, dass die Sehnsucht wie ein Motor das Ganze weitertreibt.
Sehnsucht ist ein Sehnen, das zu einem bestimmten Punkt hin zieht. Es ist eine Sucht, von der ich ahne, nicht so einfach loszukommen.
So unzufrieden ich bin mit dieser ganzen Ausweglosigkeit, dieser Unabänderlichkeit dieser Tragik, so frage ich mich, ob es nicht andersherum geht, Sehnsucht als Motor hin zu einem tollen Happy End.
Sehnsucht Frieden
Mir ist schon bewusst: Es gibt die unterschiedlichsten Sehnsüchte, also starke Wünsche, die mich antreiben, tiefe Bedürfnisse aus dem Grunde meiner Seele, dort, wo mir das Herz blutet. Ich ahne auch, dass ich im Grunde gut bin, und dass viel Kraft in mir steckt, die mich zum Guten hin drängt.
Wenn ich dieser Sehnsucht einen Namen geben muss, dann würde ich wohl sagen: «Gott». Manchmal nenne ich es «Glück», «Liebe» oder «Heiligkeit». In letzter Zeit gebe ich meiner Sehnsucht öfters den Namen «Frieden».

Frieden, wo soll man da anfangen?
Wenn ich höre, dass neue Kriege auf der Erde begonnen werden, wenn ich mitbekomme, wie schwierig es ist, diese Kriege irgendwann zu beenden, dann denke ich an jenes Theaterstück Endstation Sehnsucht, denn da dreht sich alles Runde um Runde weiter Richtung finaler Katastrophe. Ich sehe diese Entwicklungen, und ich mache mir grosse Sorgen. Es macht mir Angst mir vorzustellen, dass diese Welt irgendwann einmal ein schreckliches Ende nehmen könnte.
Ich wünsche mir Frieden, ich habe den starken Wunsch, dass diese Kriege endlich aufhören und unsere Menschheit neu lernt, das Richtige zu tun!
Ich wünsche mir Frieden…
- in dieser Welt.
- in meinem Umfeld, unter Kolleginnen und Kollegen, in der Familie, bei Freundinnen und Freunden.
- für mich selbst, und die Vorstellung zufrieden sein zu können, das erscheint mir eigentlich gar nicht als so unmöglich. Das müsste doch zu schaffen sein. Ich fände es doch reichlich schade, wenn meine Sehnsucht nach persönlichem Frieden am Ende eher scheitern würde. Ich meine, das hätte schon ein Happy End verdient😉
All diese Sehnsüchte nach Frieden, für die Welt, für mein Umfeld, für mich selbst, fliessen zusammen in dem Wunsch nach dem einen grossen Frieden am Ende.
Gott ist für mich die Endstation Frieden schlechthin. Und dann geht es mir eigentlich gar nicht mehr so sehr darum, ob es um unsere verrückte Welt geht, um mein manchmal freundliches, manchmal komisches Umfeld, oder um mich selbst.
Aber dass ich in einer grossen, weiten Entwicklung drinstecke, die uns allesamt irgendwann zu seinem grossen Frieden führt, das finde ich super. Da steckt für mich viel Zuversicht drin. Und es weckt Kräfte, positive Energie.
Und wenn unser aller Leben eine grosse Reise wäre?

Wir sitzen gleichsam in unserem Abteil, und manchmal ruckelt der Zug, mal stürmt es draussen, mal auch unter uns drinnen, doch eigentlich bewegen wir uns unablässig, lässig, kontinuierlich auf einen wunderbaren, schönen Frieden zu, der das Ziel unser aller Reise sein wird.
Wenn es irgendwann einmal heisst, «Endstation! Bitte alle aussteigen!», dann werden wir erleichtert sein, mit grosser Freude aufstehen, unsere Sachen nehmen. Vielleicht blicken wir mit Dankbarkeit nochmals zurück, aber vor allem schauen wir zufrieden nach vorne.
Mini-Aktionen für den Frieden
Das weckt in mir Kräfte wie Optimismus, Hoffnung, Zuversicht. Es weckt in mir auch den Mut, mich gegen die scheinbar unvermeidliche Abwärtsspirale zu stemmen. Das scheint ein grosses Projekt zu sein, aber so unmöglich ist das vielleicht gar nicht.
Ich stelle mir da kleine Aktionen vor, mit denen ich hier und da etwas für Frieden tue:
- Hier ein gutes Wort, dort eine barmherzige Tat.
- Hier die Bitte um Entschuldigung, dort das Schenken einer Entschuldigung.
- Hier etwas mehr Zuhören, da etwas mehr Geduld.
So schwierig ist das gar nicht etwas Kleines zum Frieden beizutragen.
Die Vorstellung, dass meine Sehnsucht nach Frieden irgendwann ein richtig gutes Ende findet, das ermutigt mich ja erst, etwas dafür zu tun.
Wenn viele kleine, friedfertige Menschen viele kleine richtige Dinge tun, dann stehen unsere Chancen ganz gut. Ich erlebe dann, dass ich fähig dazu bin, dass ich selbstmächtig bin, dass ich aktiver Teil an einer wunderbaren Sache bin.

Das schützt mich vor diesem schrecklichen Fatalismus, zu meinen, wir könnten da nichts ausrichten, als hätten wir all diesen Krisen, Streitereien, Katastrophen nichts entgegenzusetzen. Das alles ist bloss ein Tunnel, durch den wir durchfahren. Das geht vorbei. Da bleiben wir nicht stehen.
Für den Moment ist das nicht einfach, gewiss nicht.
Für den Frieden beten

Momentan wundere ich mich darüber, wie häufig wir in Kirchen für den Frieden beten. In fast jedem Gottesdienst bringen wir Fürbitten vor Gott, für die Kirche, für den Glauben, für die Armen, für die Trauernden. Eine der Bitten, mit denen wir Gott unser Herz ausschütten, ist für den Frieden. Früher habe ich oft gedacht, diese Bitte um Frieden sei bloss Standardprogramm, das wir so runterrasseln. Heute, wo manche Kriege die Welt durchrütteln, erschrecke ich jedes Mal neu vor der Aktualität, mit der wir immer wieder diese Bitte um Frieden vor Gott bringen. Mit meiner Sehnsucht nach Frieden bin ich da wahrlich nicht allein.
Und momentan baue ich mich damit auf, dass Gott der Friede schlechthin ist, womöglich nicht bloss am Ende, sondern eigentlich schon die ganze Zeit. Auf welchem Gleis auch immer wir unterwegs sind, in welchem Abteil wir hocken, bei welchen Stationen wir mal ein- oder aussteigen, eigentlich denke ich mir, dass mein Gott des Friedens immer und überall dabei ist. Das lässt mich recht gelassen unterwegs sein.
Dir alles Gute & Gottes Segen! Die nächste Folge von Sternenglanz folgt dann ab dem 9. April, dann wieder mit Kathrin Bolt.
Dir alles Gute & Gottes Segen!

Carsten
Wolfers
Carsten Wolfers ist leidenschaftlicher Podcaster und Hobby-Musiker. Der 52-Jährige lebt mit seiner Familie im Rheintal und arbeitet als Diakon für die römisch-katholische Kirche in Sevelen. In seiner Freizeit philosophiert er gerne über die grossen Fragen des Lebens.

