Die Frühlingsmüdigkeit greift um sich. Wo ich mich umhöre, alle scheinen dasselbe zu sagen: Ich bin erschöpft, mag nicht mehr, mir wird alles ein bisschen zu viel.
Mir geht es auch gerade so: Am liebsten würde ich am Morgen einfach im Bett bleiben. Weiterschlafen. Die Decke über den Kopf ziehen und die Welt da draussen sich selbst überlassen.
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«Nicht müde werden»,
höre ich eine innere Stimme.
Es ist die erste Zeile eines Lieblingsgedichts. Hilde Domin, die deutsche jüdische Schriftstellerin aus dem letzten Jahrhundert, die so vieles durchgemacht hat, hat sie geschrieben:
«Nicht müde werden.
Sondern dem Wunder leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.»
«Nicht müde werden», sagen die sonnigen Frühlingstage zu mir.
«Nicht müde werden», ermutigt mich die Stimme der Dichterin.

Warum bin ich denn müde?
Ich bin müde, weil mir die Welt zu viel geworden ist.
Zu viel Krieg. Zu viel Angst. Zu viele Nachrichten auf einmal.
Ich bin müde, weil ich so viele Menschen sehe, die sich sorgen. Und weil ich nicht weiss, was ich ihnen aufmunternd sagen könnte.
Ich bin müde, weil es schon so lange so ist.
Ich finde, es gibt Grund genug, müde zu sein.
Und gleichzeitig finde ich: Ich und wir – wir dürfen nicht müde werden!
Nicht, wenn es um unsere Welt geht.
Nicht, wenn es um den Frieden geht.
Nicht müde werden – und für den Frieden beten
In den letzten Wochen haben befreundete Pfarrer:innen aus unserer Stadt gemeinsam beschlossen: Wir werden nicht müde – und beten für den Frieden.
Jeden Montag treffen wir uns am Mittag zum Friedensgebet, ↗ zünden Kerzen an, singen Lieder, schweigen und beten gemeinsam die Friedensvision von Andreas Knapp:
Friedensvision*
Hoffentlich
Wird es noch
Vor dem Ende der Tage
Geschehen
Stahlhelme werden
Umgerüstet zu Kochtöpfen
Und Raketen für das Silvesterfeuerwerk
Das Wort Krieg wird zum
Unwort des Jahrtausends
Soldaten spielen
Mensch-ärgere-dich-nicht
Während die Offiziere Ölbäume pflegen
Die Rüstungsbonzen
Gehen am Bettelstab
Und der Verteidigungsminister
Züchtet nach seiner
Umschulung
Weiße Tauben
*Andreas Knapp, Heller als Licht. Biblische Gedichte, Echter Verlag 2024 ↗

Solche Gedichte – solche Texte lassen mich wieder wacher werden.
Sie lösen etwas aus in mir. Neue Bilder, neue Hoffnung. Ein Gefühl von: «Ja – so könnte es sein!» Kochtöpfe aus Soldatenhelmen. Ich stelle mir darin eine Tomatensuppe vor, oder Schokoladenmousse. Etwas, das mich stärkt und wieder wach macht. Etwas, das Freude macht. Vor allem, wenn man es teilt und gemeinsam isst.
Was wir brauchen, um nicht müde zu werden
Wir brauchen gemeinsame Visionen.
Wir brauchen Orte, an denen wir über unsere Ängste und Sorgen sprechen können.
Und unsere Müdigkeit teilen können.
Um nicht zu resignieren.
Um nicht liegen zu bleiben unter der Decke und für immer einzuschlafen.
Wir brauchen einander, damit wir nicht müde werden:
«Nicht müde werden.
Sondern dem Wunder leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.»
Der Frühling besteht nicht nur aus Müdigkeit. Gottseidank.
Sondern auch aus so vielen kleinen Wundern.
Den Schneeglöckchen, den Weidekätzchen, den Rauchschwalben, Meisen und Buntspechten.

Sie alle helfen uns gegen die Müdigkeit. Und die Traurigkeit.
Halten wir die Hand hin. Für diese Wunder.
Lassen wir uns aufwecken und ermutigen und bleiben wir dran!
Wir werden nicht müde.
Wir hoffen weiter, beten weiter, leben weiter!
So viel für heute.
Den nächsten Sternenglanz hörst du am 26. März mit Carsten.
Bis dahin, mach’s gut und schau gut zu dir.

Kathrin Bolt
Kathrin schreibt und spricht leidenschaftlich gerne. Die 44-Jährige lebt mit ihrer Familie in St.Gallen und arbeitet als Pfarrerin in der evangelisch-reformierten Laurenzenkirche. In ihrer Freizeit spielt sie Theater.

