«Wer bist du?», frage ich mich.
Beim Umzug der Kinderfasnacht fällt mir ein verkleideter Bär auf, der sichtlich Freude daran hat, den Menschen neben sich Konfetti zuzuwerfen.
Mir kommt die Redewendung «hier steppt der Bär» in den Sinn und ich merke, dass da ein Mensch ist, der Freude daran hat, ausgelassen zu sein, zu feiern und tanzen.
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Ob ich ihn kenne?
Und ob er all diejenigen kennt, mit denen er unerkannt herumzualbern beginnt?
Verkleidete Kinder ziehen an uns vorbei: Marienkäfer, Einhörner, Superman und Pandabären. Vor dem Umzug spielt Musik. Guggemusig – Musik zur Fasnacht, die laut und schräg und wild sein darf.
Es ist ein farbiger Tag. Viele Kinder haben Freude daran, so laut und wild sein zu dürfen. Und ich habe den Eindruck: Bei manchen passt das Kostüm perfekt!
Ein Mädchen, das als Pirat verkleidet ist, zeigt sich kämpferisch und stark.
Ein Junge, der eine Katze sein darf, sieht verspielt und «verschmust» aus.
Es macht Freude, so viele verkleidete Kinder zu sehen.
Und eben: Auch ein paar Erwachsene.
Die meisten Erwachsenen beschränken sich auf eine lustige Brille, eine Clownnase oder ein auffälliges Hemd.

Wer steckt hinter der Maske?
Darunter fällt der tanzende Bär auf, den immer mehr bestaunen und sich fragen: Wer ist das? Wer steckt unter dieser lustigen Maske?
Ich nehme meinen Mut zusammen, überquere die Strasse und gehe auf ihn zu.
«Wer bist du?», frage ich den lustigen Bären. Doch er hebt nur seine Pfoten, zuckt mit den Schultern und tanzt weiter.
Ich gehe alle Menschen durch, die von der Grösse und von den Schuhen her passen könnten. Aber ich habe keine Ahnung.
Die Frage, wer hinter diesem auffälligen Kostüm steckt, beschäftigt mich. «Warum eigentlich?», frage ich mich.
Weil ich so neugierig bin?
Auch.
Und vielleicht auch, weil ich etwas eifersüchtig bin.
Weil ich mich das auch gerne trauen würde. Ein Bärenkostüm anziehen und am hellheiteren Samstagnachmittag zur Guggemusik tanzen, während alle anderen Erwachsenen mehr oder weniger regungslos dastehen und den Kindern zuschauen.
Die überraschende Begegnung
Am späteren Nachmittag wird das Geheimnis gelüftet.
Der Präsident des Quartiervereins ruft zur Demaskierung auf.
Ich stehe in der Nähe des verkleideten Bärs und schaue gespannt zu ihm.
«Du?», frage ich erstaunt. Und ich bin nicht die Einzige, die erstaunt ist.
Der stille Thomas von nebenan. Ein Bankangestellter, immer grau und adrett gekleidet. Er wirkt oft ernst, oder scheu.
Ich gehe auf ihn zu, schaue ihn an und frage: «Wer bist du?»
Thomas schaut mich verblüfft an.
«Das weisst du doch», sagt er. «Thomas von nebenan. Unsere Kinder waren mal zusammen in einer Klasse.»
Natürlich weiss ich das.
Ich erinnere mich gut an Thomas, der bei jedem Elternabend still dabeisass und sich gewissenhaft notierte, was die Lehrerin sagte.
«Ich hätte dich nie unter dieser Maske vermutet», sage ich und Thomas schmunzelt: «Das tut mir gut! So auszubrechen und mal «auf den Putz zu hauen». Irgendwie brauche ich es sogar. Der Alltag wird mir sonst irgendwann zu grau.»
Rollen im Alltag
Und plötzlich führen wir ein tiefes Gespräch, zmitzt in der Kinderfasnacht.
Darüber, wie wir im Alltag oft Masken tragen und uns stark und professionell geben.
Darüber, wie wir mit unseren Kindern so schnell erwachsen geworden sind und so gern wieder mal Tanzen und Feiern würden.
Und darüber, dass wir manchmal selbst nicht wissen, wer wir eigentlich sind:
Der vertrauenswürdige Banker?
Die tiefsinnige Pfarrerin?
Oder eher der tanzende Bär und das verrückte Huhn.

«Heute jedenfalls dürfen wir einfach so sein, wie wir grad sein möchten», stellen wir lachend fest und beginnen zur Guggemusik zu tanzen.
Inzwischen ohne Masken, was für unsere Kinder etwas peinlich ist. Aber sie können ja ihre Masken wieder übers Gesicht ziehen und sich vor uns verstecken.
Das ist meine Geschichte zur Fasnacht.
Einer Zeit, die für manche bei uns «die fünfte Jahreszeit» nennen.

Fragen für dich zur Reflexion
- Was spielst du für Rollen? An der Fasnacht oder im Alltag?
- Als was würdest du dich gern mal verkleiden?
- Wer oder was möchtest du sein?
- In welchen Situationen wünschst du dir mehr Leichtigkeit?
Mit diesen Fragen wünsche ich dir einen schönen Feierabend.
Den nächsten Podcast hörst du am 26. Februar mit Carsten.
Bis dahin, mach`s gut und schau gut zu dir.

Kathrin Bolt
Kathrin schreibt und spricht leidenschaftlich gerne. Die 44-Jährige lebt mit ihrer Familie in St.Gallen und arbeitet als Pfarrerin in der evangelisch-reformierten Laurenzenkirche. In ihrer Freizeit spielt sie Theater.

