Podcast Sternenglanz St.Gallen

Lesedauer: 6 Minuten

#71 Wenn weniger mehr Weihnachten ist

Hässliche Weihnachtspullover, grosse Erwartungen und volle To-Do-Listen: Weihnachten ist für viele gleichzeitig Sehnsucht und Stress. In der Sternenglanz-Weihnachtsfolge sprechen Kathrin Bolt und Carsten Wolfers darüber, warum das Fest gerade dann seinen Kern zeigt, wenn wir es einfacher halten.

Kathrin: Ich finde es unglaublich, wie Weihnachten sich verändert, vermehrt oder immer krasser wird. Meine Schwester hat zum Beispiel erzählt, wie bei ihr im Geschäft alle einen Weihnachtspullover trugen, weil es einen «Welt-Ugly-Weihnachtspullover-Tag» oder irgend so etwas gibt. Da liefen alle mit Elch-Pullis und Lichterketten auf dem Kopf herum…

Carsten: Mussten sie dann auch röhren wie Elche?

Kathrin: (lacht) Ich glaube, sie mussten nur ein Gruppenbild für Social Media machen! Das war auch toll, das sieht super aus… Aber ich frage mich: Was kommt alles noch? Meine Töchter haben mehrere Adventskalender. Den ganzen Tag läuft «Last Christmas» und all diese Weihnachtssongs. Überall wird gewichtelt, in den Schulen und in den Kitas. Das macht alles Freude, aber es ist auch ein bisschen viel, finde ich.

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Carsten: Und in den Kirchen ist es besonders schlimm! (schmunzelt) Was die rund um Weihnachten alles tun. Die Anlässe werden direkt verdoppelt und verdreifacht.

Kathrin: Wenn man immer mehr und mehr Stille und Besinnlichkeit sucht und anbietet, dann gibt das auch Stress.

Wenn man immer mehr und mehr Stille und Besinnlichkeit sucht und anbietet, dann gibt das auch Stress.

Carsten: Vielleicht sollten wir die Advents- und Weihnachtslieder in doppeltem Tempo laufen lassen? Dann hätten wir am Ende mehr Zeit. Aber wir können die nicht so schnell singen, das tönt komisch…

Kathrin: Carsten, ernsthaft. (lacht) Was könnten wir tun, damit Weihnachten mehr «Weihnachten» wird? Weihnachten ist ja ein Bedürfnis, eine Sehnsucht – alle sind dabei und doch leiden viele auch am Stress rund um Weihnachten.

Wie Weihnachten weniger stressig wird

Carsten: Wir können ein spirituelles Skalpell ansetzen und überlegen: Wo können wir etwas einfacher machen? Wo darf es getrost weniger sein?

Bei uns zu Hause gab es jahrelang Eintopf an Heiligabend – früher mit Wienerli, heute eher mit Tofu – aber einfach Eintopf. Wenn wir hungrig vom Gottesdienst kamen, mussten wir nur den Herd anstellen und zehn Minuten später gab es zu essen.

Kathrin: Also geht es eigentlich darum, Erwartungen kleiner zu halten? Nicht das Gefühl zu haben, man muss alle Kekse selbst backen, schön dekorieren, ein Weihnachtskleid tragen und tausend Karten schreiben, damit man es «richtig» macht. Sondern Weihnachten irgendwie auch ein bisschen geschehen lassen.

Carsten: Wenn wir Weihnachten in der Familie feiern, dann muss es für mich nicht das Drei-Gänge-Menü geben. Denn das heisst, dass zwei oder drei Personen vor und nach dem Essen stundenlang in der Küche stehen. Die sind dann fix und foxi.

Kathrin: Ja, und statistisch gesehen sind es die Frauen, die den grössten Teil der Sorgearbeit rund um Weihnachten leisten, Essen kochen und putzen… Bei euch ist es bestimmt ganz anders (schmunzelt).

Carsten: Vor dem Essen darf ich nicht in die Küche und nach dem Essen muss ich in die Küche. Also es verteilt sich irgendwie, aber wie sich das über Jahre etabliert und entwickelt, da sind Familien halt manchmal auch gut eingespurt. Und da gilt es zu schauen: Hoppla, wie schaffen wir es gemeinsam, dass wir mehr Zeit miteinander haben? Nicht, dass der eine oder die andere noch da rumspringen muss. Denn für die gemeinsame Zeit kommen wir ja eigentlich zu Weihnachten auch zusammen.

Die Weihnachtsgeschichte oder: Wenn alles anders kommt, als erwartet

Kathrin: Interessant ist ja, dass die Weihnachtsgeschichte selbst eine Überraschung ist. Es findet alles anders statt, als erwartet. Wir haben heute oft das Gefühl, Weihnachten muss genauso und so sein. In unserer Familie gibt es zum Beispiel den Glaubenssatz: «Weihnachten kann nur in dem Dorf stattfinden, wo wir alle aufgewachsen sind, sonst gibt es keine Weihnachtsstimmung.» Ich glaube, das stimmt eigentlich nicht.

Bei der Geschichte von diesem kleinen Kind, das in einem Stall abgelegen auf die Welt kommt und erwartet war ein grosser König – war das vielleicht auch schon so: Man wollte das ganz Grosse, und fand das Wunder im überraschenden Kleinen.

Carsten: Manche Dinge lassen sich zu Weihnachten wirklich einfacher oder kleiner ansetzen. Früher hatten wir diese Familientradition, dass mein Vater als Startschuss für die Bescherung die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium vorliess. Das brauchte ein bisschen Geduld, aber es war eine hochheilige Familientradition.

Krippe zu Weihnachten
Krippe zu Weihnachten

Mit meinen eigenen Kindern dachte ich: Schön, das kann ich weiterführen! Naja. Nach dem zweiten oder dritten Jahr meinte unser ältestes Kind: Die Geschichte kennen wir schon! Es stimmte: Wir hatten die Geschichte gerade vorhin im Gottesdienst gehört. Eigentlich ist sie klar. Da darf man getrost einfacher und schlichter unterwegs sein, selbst bei der «hochheiligen» Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium.

Kathrin: Und was machst du jetzt, anstelle beim Weihnachtsbaum aus dem Lukasevangelium vorzulesen?

Carsten: Wir stellen nach wie vor eine Krippe auf. Da siehst du die Weihnachtsgeschichte – multimedial. Wir müssen sie nicht mehr vorlesen. Es ist alles da.

Das erste Weihnachtsgeschenk

Kathrin: Wenn du an die Weihnachtsgeschichte denkst, was würdest du sagen, war denn das erste Weihnachtsgeschenk?

Carsten: Ich spekuliere… Milch? Eine Decke? Vielleicht Stroh. Ein ermüdetes, aber vielleicht auch frohes Lächeln der Eltern: endlich einen Platz gefunden zu haben, endlich die Strapazen der Schwangerschaft hinter sich zu haben und endlich das Kind zu sehen.

Kathrin: Und war nicht das Kind das Geschenk?

Carsten: Ja, natürlich, irgendwie schon auch. Wenn du es ganz reduzieren willst, reicht das Kind eigentlich, ne? Das andere Gedöns können wir als weglassen… (lacht)

Kathrin: Das braucht es natürlich, um dieses Geschenk grosszuziehen! (lacht)

Aber vielleicht war das erste Weihnachtsgeschenk auch nicht ein Ding, sondern eine Botschaft: Die Angst verwandelt sich in ein Staunen.

Carsten: Ich staune auch darüber, welche Leute in der Weihnachtsgeschichte ständig unterwegs sind. Die Hirten liegen erst irgendwo auf dem Feld rum und dann «zack» müssen sie loslaufen und das Kind finden. Oder auch die Sterndeuter, die bleiben nicht stehen, sondern werden auf der Suche nach dem neuen König von dem einen zum anderen weitergeschickt. Und schon erstaunlich, dass die dann auch weitergehen, oder? Zur Weihnacht würde ich mir manchmal wünschen, in Ruhe am Sofa sitzen zu bleiben. Doch bei der ersten Weihnacht ist es anders: alles ständig in Bewegung.

Kathrin: Es ist aber nicht nur eine hektische Bewegung. Die Sterndeuter folgen einer Sehnsucht, einem Licht, das sagt: Es gibt noch mehr als das, was du gerade siehst.

Vielleicht ist das das eigentliche Geschenk: Dass in uns mit dieser Geschichte etwas in Bewegung kommt.

Carsten: Ich finde es elementar für Weihnachten: Dass ich aufbreche. Dass ich, wenn ich die Weihnachtsbotschaft lese oder höre, dem nachspüre, was an Glanz und Frieden in mir wach wird.

Die Weihnachtsbotschaft in einem Satz

Carsten: Wir haben jetzt eine schwierige grammatikalische Aufgabe vor uns. Fasse die Weihnachtsbotschaft in einem Satz zusammen – in einem einzigen, keine Nebensätze, keine Semikolons, keine Ausflüchte…

Kathrin: Ich hab’s verstanden, Carsten.

Carsten: Probier mal.

Kathrin: (überlegt) Weihnachten ist das Elementarste der Welt, weil es um die pure Existenz geht, um unser Leben. Punkt.

Hast du auch einen Satz?

Carsten: Weihnachten ist für mich, dass Gott auf seine Art da ist – so, wie Geist in Zeit, Hemd in Hose.

Weihnachten ist für mich, dass Gott auf seine Art da ist – so, wie Geist in Zeit, Hemd in Hose.

Kathrin: Hemd in Hose?!

Carsten: Nicht ein bisschen Nähe, sondern ganz. Aber ehrlich, haben wir nicht das Gleiche gesagt?

Kathrin: Ja. Es geht ums Dasein, ums Leben. Nicht um den grossen Prunk. Für mich ist es immer wieder unglaublich, dass Weihnachten mit einer Geburt anfängt. Jeder und jede von uns ist über eine Geburt ins Leben gekommen. Viele von uns haben es selbst erlebt oder mitbekommen, wie ein kleines Kind zur Welt kommt und aufwächst. Dieses Wunder in unserem komplexen und teils schwierigen Leben finde ich etwas Unglaubliches. Wenn Leben beginnt und wachsen darf – das ist für mich Weihnachten.

Carsten: In meinem Glauben bin ich stark davon geprägt, wie nah Gott uns schon gekommen ist. Wir denken Gott oft weit weg. Doch wenn ich die Weihnachtsgeschichte lese, denke ich: Gott versucht verzweifelt, möglichst nah an uns ranzukommen. Das Bild von «Geist in Zeit» stammt von Karl Rahner. Als er sein Buch mit diesem Titel rausbrachte, meinten einige despektierlich, das klinge wie «Hemd in Hose». Aber eigentlich bringt es das genau auf den Punkt: Es ist kein hochgestochenes Zeug.

Wenn ich Gott in diesem Kind Jesus mitten in dieser Welt denke, dann ist das so nah wie mir Hemd und Hose sind.

Vielleicht hätte Rahner das Buch wirklich «Hemd in Hose» nennen sollen…

Was zu Weihnachten bleiben darf

Kathrin: Wirst du nach unserem Gespräch darüber, wie wir Weihnachten wieder einfacher, elementarer feiern können, dieses Jahr etwas anders machen?

Carsten: Ich werde eine To-Do-Liste schreiben mit allem, was ich noch tun sollte oder müsste. Das gibt eine lange Liste. Und dann streiche ich 90 Prozent davon weg. Dann bleiben nur noch zehn Dinge. Und davon markiere ich mir zwei, die wirklich bleiben sollen.

Kathrin: Welche zwei Dinge bleiben?

Carsten: Das Kind und die Krippe. Oder Hemd und Hose (lacht). Und alles andere – darf weg.

Kathrin: Egal, wie viele Adventskalender ihr habt oder wie viele Wichtelgeschenke ihr noch besorgen müsst – wir wünschen euch von Herzen fröhliche, vielleicht auch einfache Weihnachten. Mit möglichst wenig Erwartungen und möglichst vielen Überraschungen.

Carsten: Unseren nächsten Sternenglanz-Beitrag gibt es hier zu Beginn des neuen Jahres!

Bis dahin, mach`s gut und schau gut zu dir.

Portrait Kathrin Bolt

Kathrin Bolt

Kathrin schreibt und spricht leidenschaftlich gerne. Die 44-Jährige lebt mit ihrer Familie in St.Gallen und arbeitet als Pfarrerin in der evangelisch-reformierten Laurenzenkirche. In ihrer Freizeit spielt sie Theater.

Dir alles Gute & Gottes Segen!

Portrait Carstel Wolfers

Carsten
Wolfers

Carsten Wolfers ist leidenschaftlicher Podcaster und Hobby-Musiker. Der 52-Jährige lebt mit seiner Familie im Rheintal und arbeitet als Diakon für die römisch-katholische Kirche in Sevelen. In seiner Freizeit philosophiert er gerne über die grossen Fragen des Lebens.