Podcast Sternenglanz St.Gallen

Lesedauer: 4 Minuten

#69 – Mama, warum weinst du?

„Mama, warum weinst du?“, fragt mich meine zehnjährige Tochter.

Ich lächle und sage: „Weil ich mich gerade an etwas erinnere.“ Im Radio läuft das Lied „All I Want Is You” von der Band U2 ↗. Und ich fühle mich sofort wieder wie 17 und frisch verliebt. „Und das macht dich traurig“, fragt meine Tochter.
„Nein, nicht unbedingt traurig. Eher ein bisschen melancholisch.

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Ich versuche, meiner Tochter zu erklären, dass man auch aus Freude weinen kann. Wir überlegen gemeinsam, aus welchen Gründen wir weinen können.

Zum Beispiel Zwiebeln schneiden.
Oder wenn man hinfällt und sich das Knie aufschlägt.
Wenn man traurig ist, weil etwas Schlimmes passiert ist.
Aber auch, wenn man besonders glücklich ist, etwa wenn man jemanden nach langer Zeit wieder sieht.
Oder Tränen der Rührung. Ich muss zum Beispiel weinen, wenn Kinder in der Schule gemeinsam ein Lied vorsingen. Ja, sogar, wenn die Kühe bei uns durch die Strasse ziehen, weil Viehschau ist.
Und manchmal weine ich auch aus Wut. Wenn mich jemand provoziert. Oder wenn ich mich ungerecht behandelt fühle.

Weinende Frau
Foto von Zhivko Minkov ↗ auf Unsplash ↗

„Wann hast du das letzte Mal geweint?”
Ich stelle diese Frage meiner Tochter. Sie antwortet: „Als meine Schwester gemein zu mir war.”

Wann hast du das letzte Mal geweint? Ich stelle die Frage dir, wenn du jetzt diesen Podcast hörst. Erinnerst du dich an deine letzten Tränen?
Warum gab es Tränen? Waren sie von Trauer erfüllt? Oder von Freude? Rührung? Oder waren sie einfach dem kühlen Fahrtwind auf dem Fahrrad geschuldet?

Die Pfarrerin und die Tränen

Als Pfarrerin gehören Tränen zu meinem Alltag. Ich erlebe oft Situationen, in denen Menschen weinen. Nicht nur bei Beerdigungen – da erwarten wir die Tränen am meisten. Auch bei der Hochzeitsvorbereitung, wenn ich ein Paar ermutige, sich gegenseitig zu sagen, was es an dem anderen schätzt.
Aber auch bei der Vorbereitung einer Taufe, wenn ich mir die Geburtsgeschichte erzählen lasse und erfahre, wie das Leben des Babys begonnen hat. Da ich selbst recht nah am Wasser gebaut bin, muss ich manchmal mitweinen, weil mich etwas berührt oder auch überfordert.

Viele Menschen entschuldigen sich bei mir, wenn sie anfangen zu weinen. Wenn andere unsere Tränen sehen, ist uns das oft unangenehm. Dabei können Tränen so schön sein. So befreiend. So voller Liebe. Das versuche ich immer zu vermitteln, wenn ich Menschen begegne, die aus Traurigkeit weinen. Oder überfordert sind. Oder gerührt. Oder auch wütend.

Tränen sind ein Zeichen von Liebe und Leben. Solange ich weinen kann, ist mein Leben im Fluss.  Solange ich Tränen habe, habe ich Gefühle und Emotionen. Die meisten von uns haben schon erlebt, dass Tränen befreiend sein können. Gerade wenn wir so richtig ins Weinen kommen und ein Taschentuch nach dem anderen brauchen, fühlen wir uns hinterher erschöpft, vielleicht auch zerbrechlich oder klein. Aber auch entspannt. Und ruhig. Wenn es gelungen ist, ein bisschen loszulassen.

Trauernder Mann
Foto von Gadiel Lazcano ↗ auf Unsplash ↗

November, der Monat der Trauer

Vermutlich wird im November am meisten geweint, stelle ich mir vor. Ich weiss nicht, ob das stimmt. Ich kann nur für mich sprechen. Die grauen, dunklen Tage, die Kälte und die kahl gewordenen Bäume können uns melancholisch stimmen. Und manchmal auch richtig traurig machen.

In der Kirche ist der November der Monat, in dem wir bewusst trauern. Wir trauern um die Verstorbenen, denken an sie und erinnern uns.
Im Gottesdienst werden die Namen der Verstorbenen verlesen und für sie werden Kerzen angezündet. Die katholischen Geschwister hielten ihren Gedenktag am 1. November ab. Da gehen viele auf die Gräber. In der reformierten Kirche feiern wir das Totengedenken am letzten Sonntag vor dem ersten Advent. Wir nennen ihn „Ewigkeitssonntag”.

Ich mag diesen Namen: Ewigkeitssonntag. Insbesondere im Zusammenhang mit den vielen Tränen, die an einem solchen Sonntag in der Kirche fliessen.
Für mich sind die Tränen wie Ewigkeits-Tropfen. Wir nennen Gott die „Quelle des Lebens”. Wenn wir weinen, können wir uns diese Quelle besonders gut vorstellen.

Ich weiss, dass das nicht für alle leicht ist.
Gerade Menschen, die in grosser Trauer sind, kämpfen oft damit, dass sie nicht über ihre Trauer hinwegkommen. Monate und Jahre später müssen sie immer noch und immer wieder weinen. Mich tröstet dann der Gedanke, dass Tränen kein Zeichen von Schwäche, sondern von Liebe sind.

Grablichter in der Dunkelheit
Foto von Daniel Brzdęk ↗ auf Unsplash ↗

Die Dichterin Gitta Deutsch schrieb:

Du warst es wert
so sehr
geliebt zu werden
Du bist es wert
daß so viel
Traurigkeit
geblieben ist
an deiner
Stelle.

In der Trauer nicht allein

Es ist schön, wenn wir mit unseren Tränen nicht allein bleiben.
In der Bibel heisst es dazu sehr berührend: „Gott wird alle Tränen abwischen.” ↗

Ein Bild, das uns vom Reich Gottes erzählt, das wir irgendwann gemeinsam erleben werden. Wir erleben schon jetzt einige Facetten dieses Reichs Gottes, wenn wir unsere Tränen einander zumuten, wenn wir uns nicht zusammenreissen, um stark zu sein, sondern uns mit unserer Trauer, unserer Rührung und unserer Wut zeigen, wenn wir uns Taschentücher reichen, wenn wir einander die Hand auf die Schulter legen, zuhören, schweigen, umarmen und – wenn wir uns nah genug stehen – jetzt schon einander die Tränen abwischen.

„Warum weinst du?” Das war meine Anfangsfrage.
Weil ich es darf. Und weil ich es kann. Und weil ich es will.

Wie ist das bei dir?

Magst du deine Tränen oder bist du froh, wenn du sie zurückhalten kannst?
Ich möchte dich ermutigen, deine Tränen willkommen zu heissen und die Tränen anderer mit Liebe zu sehen.

Den nächsten Podcast hörst du am 4. Dezember wieder mit Carsten.

Bis dahin, mach`s gut und schau gut zu dir.

Portrait Kathrin Bolt

Kathrin Bolt

Kathrin schreibt und spricht leidenschaftlich gerne. Die 44-Jährige lebt mit ihrer Familie in St.Gallen und arbeitet als Pfarrerin in der evangelisch-reformierten Laurenzenkirche. In ihrer Freizeit spielt sie Theater.