Seit kurzem haben wir ein neues Sofa. Früher hatten wir gesagt: Wir brauchen noch kein neues Sofa, solange die Kinder klein sind. Ein edles, teures Sofa und kleine, wilde Kinder vertragen sich nämlich meist nicht so gut.
Dann wurden die Kinder grösser. Die Risiken für ein schönes Wohnzimmer wurden dabei nicht geringer. Also haben wir geduldig gewartet.

Jetzt sind die Kinder so gross oder so ausgezogen, dass wir es riskieren können: Wir haben ein neues Sofa und sogar einen schönen, weichen Teppich davor gekauft. Unser Wohnzimmer ist jetzt richtig schön gemütlich und häuslich geworden.
Wie gut tut es mir doch, gelegentlich mal etwas Neues zu erleben, mein Leben mit Neuem zu gestalten! Mittlerweile verbringe ich dort viel mehr Zeit und frage mich, warum wir damit so lange gewartet haben.
Heute möchte ich eine Geschichte erzählen, die zeigt, wie mir etwas Neues geholfen hat, und davon berichten, was ich mir in meiner Kirche Neues erhoffe und wie Jesus mich zu Neuem ermutigt.
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Wie mir etwas Neues geholfen hat
Ende August habe ich an einer Sitzung teilgenommen, die einfach nur doof war. Nun, Sitzungen gehören für viele Menschen nicht gerade zu den Dingen, die bei der Arbeit Spass machen. Manchmal kommt man mit Diskussionen und Planungen aber auch richtig gut voran. In anderen Fällen braucht es zwischendurch viel Kaffee. Aber kürzlich ging es gründlich daneben.
Allen Teilnehmer:innen ging es vorab wohl schon so, dass mehr oder weniger klar war: Da kann nichts Gutes dabei herauskommen. Erwartet wurde eine weitere Sitzung, in der alte Probleme von hier nach da verschoben werden.
Ich habe mich im Vorfeld über die schlechte Vorbereitung geärgert, und mein Ärger wurde im Laufe der Sitzung nicht besser. Im Nachhinein habe ich mich eine Weile mit mentalem Kopfschütteln beschäftigt. Der ganze Morgen war ziemlich für die Katz.
Der Nachmittag hatte dann eine Überraschung für mich bereit!
Mein neuer Drucker, auf den ich schon seit mehreren Monaten gewartet hatte, stand plötzlich vor meiner Tür! Ich verbrachte den nächsten Tag damit, den Drucker anzuschließen und einzurichten, und freute mich darüber, als wäre das mein Kindergeburtstag.
Ich bin eigentlich nicht der Typ für Frustkäufe. Rückblickend war ich aber überrascht, wie schnell mich etwas Neues aus meinem Tief geholt hat. Die doofe Sitzung war dann irgendwie vergessen, das alles war nicht mehr wichtig, denn: Ich sass an meinem Arbeitsplatz und konnte diesen schönen, nagelneuen Drucker benutzen.

Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr frage ich mich, was da eigentlich in mir vorgeht. Wie gut balanciere ich Negatives und Positives aus? Wie gut gelingt es mir, Frust oder Ärger nicht mit mir herumzutragen?
Und da steigt in mir auch die Ahnung auf, dass ich öfter mal etwas Neues brauche, dass ich mit Neuem Altes vertreiben darf, dass ich die Faszination des Neuen gegen die Langeweile des Alten eintauschen kann und sollte. Denn ich geniesse das ja, diese Spannung zu erleben, wenn etwas Neues und Unbekanntes auf mich zukommt. Ich finde es faszinierend, ein neues Gerät auszuprobieren, zu experimentieren und zu testen, wie es funktioniert.
Ich brauche diese Unsicherheit manchmal. Ich brauche das Gefühl, nicht zu wissen, was kommt, und ob es funktioniert oder nicht.
Manchmal brauche ich diese Herausforderung, bei der ich mich mehr auf mein Bauchgefühl als auf Berechnung verlassen muss. Das tut mir gut. Es hilft mir, nicht aus Gewohnheit auf alten Gleisen zu bleiben, weil mir nichts Besseres einfällt oder ich mich mit den Umständen arrangiert habe.
Wo ich mir in meiner Kirche Neues erhoffe
Öfter mal etwas Neues! Das gilt auch im Beruf. Das gilt nicht nur für Kolleg:innen und Arbeitsweisen, nicht nur für Sofas und Drucker. Mir gehen einige Beispiele durch den Kopf, bei denen etwas Neues in meiner Kirche einfach gut tut.
Letztes Jahr war ich bei einem Vortrag von Pastor Carey Niehoff ↗, ein Kanadier, der an einem Kongress in Karlsruhe vor lauter Kirchenleuten sprach. Er erlaubte sich folgenden Scherz:
«Manchmal kommst Du in eine Kirche hinein und Du denkst, hier riecht es irgendwie nach den 2000er Jahren. Manchmal betrittst du eine Kirche und denkst: Hier riecht es nach 1984, vielleicht auch 1983. Und dann kommst Du in eine Kirche und Du fragst Dich: Ist hier seit 1742 die Zeit stehengeblieben?»
Manche Zuhörer:innen mussten lachen, viele fühlten sich irgendwie erwischt. Denn die Beharrlichkeit, mit der wenig oder nichts in Kirchräumen verändert wird, hat weniger mit Tradition und Würde zu tun, sondern einfach eher mit Langeweile, Trägheit, Faulheit, Resignation. Wenn ein Raum bereits eine solche Atmosphäre ausstrahlt, wie kann dann das, was in ihm passiert, zu innerer Erneuerung führen?

Momentan sind wir kirchlich viel mit den Planungen für das kommende Jahr beschäftigt. Die Agenda wird erstellt und Termine werden vereinbart. Das ist eine Arbeit, die muss sein. Da steckt ganz viel Routine drin. Aber interessant sind eigentlich vorwiegend die Dinge, die wir neu planen und verändern.
Öfter mal etwas Neues. Wenn wir an Neujahr einen Gottesdienst von frühmorgens um 9 Uhr auf den Abend verlegen, wenn wir Abendmahl am Hohen Donnerstag neu denken, wenn manche Aktionen für Familien und Gemeinschaft neu durchdacht werden – all das löst Spannung und Kreativität, Vorfreude und Energie aus. Neues kann das. Altes kann das nicht.
Manchmal lese ich in der Bibel, in den Liedern, den Psalmen. Dabei stolpere ich gelegentlich über die Aufforderung: «Singt dem Herrn ein neues Lied ↗!» Ich muss dann immer grinsen und denke mir, ob Gott die alten Lieder nicht mehr hören mag.
Biblisch geht es dabei jedoch um etwas anderes: Es ist etwas Besonderes, etwas Würdevolleres, etwas Neues vor Gott zu bringen. Damit werden wichtige Anlässe geehrt.
Wie Jesus mich zu Neuem ermutigt

Es gibt einen Spruch Jesu, der sehr für Neues spricht. Er redet davon, dass junger Wein in junge Schläuche gehört:
«Man füllt auch nicht neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreissen die Schläuche und der Wein wird verschüttet und die Schläuche verderben.» (Mt 9,17 ↗)
Weil so ein Weinschlauch aus Leder ist, dehnt der junge sich besser als ein alter. Wenn junger Wein darin gärt, kann es den alten zerreissen, der neue Schlauch hat damit kein Problem.
Neuer Wein in neue Schläuche. Wenn ich diesen Spruch höre, dann frage ich halt schon: Bin ich mittlerweile auch so etwas wie ein alter, brüchiger, unflexibler Weinschlauch? Bin ich eigentlich für heute nicht mehr gut zu gebrauchen?
Nein, noch möchte ich mir Offenheit und Flexibilität bewahren, mich an Neuem erfreuen und mit Spannung das Unverhoffte erwarten. Doch dafür braucht es eine entsprechende Haltung und ein Training, das mich positiv und mutig sagen lässt: «Öfter mal was Neues, bitte.»
Öfter mal was Neues – etwa in allen Lebensbereichen?
Öfter mal was Neues. Ich möchte hinzufügen, das gilt wohl nicht für alle Lebensbereiche. Wenn es um Lebensbereiche wie Beziehung und Partnerschaft, Freundschaft oder Kinder geht, sind mir eigentlich Zuverlässigkeit, Vertrauen, das Gemeinsame und das Bewährte wichtiger als irgendetwas Neues.
Aber auch das sind ja Gefässe, die nicht verstaubt und hässlich in der Ecke stehen müssten. Auch das sind Gefässe, die sich mit Freude und Sinn für Überraschungen und Spannung, mit Kreativität und Lebendigkeit füllen lassen.
Unseren nächsten Podcast hörst hier dann wieder am 25. September, dann wieder mit Kathrin Bolt.
Dir alles Gute & Gottes Segen!

Carsten
Wolfers
Carsten Wolfers ist leidenschaftlicher Podcaster und Hobby-Musiker. Der 52-Jährige lebt mit seiner Familie im Rheintal und arbeitet als Diakon für die römisch-katholische Kirche in Sevelen. In seiner Freizeit philosophiert er gerne über die grossen Fragen des Lebens.

