Heute möchte ich über das reden,
was mir im Leben oft fehlt,
wonach ich mich sehne und
was ich oft verliere –
über die Geduld.
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Die Sommerferien
Meine Sommerferien verliefen vom ersten Tag an anders als geplant.
Zunächst verunfallte mein Mann, als er mit unserer jüngeren Tochter Skateboard fahren wollte. Ein Oberschenkelhals-Bruch, Hüftoperation, eine Woche Spital, zwei Wochen Reha. «Das braucht jetzt einfach viel Geduld» sagte die Physiotherapeutin.
Und dann, kurz bevor seine Reha zu Ende war, holte ich mir einen Bänderriss, weil ich in der Kirche die Altarstufe übersehen habe.
Ein kurzer, unachtsamer Moment mit Folgen: sechs Wochen Schiene, «das braucht jetzt einfach viel Geduld», meinte der Arzt.

Mein kurzer Geduldfaden
Alles klar, dachte ich. Kein Problem.
Gut, dass mir und uns nichts Schlimmeres passiert ist!
Ein paar Wochen mit Krücken und ein bisschen Humpeln, das schaffen wir!
Sechs Wochen Schiene am Fuss auf 45 Jahre Lebenszeit – was ist das schon? Am Anfang ging es ganz gut: Fuss hochlagern. Warten. Nur das Nötigste tun.
Aber ich habe gemerkt: So einfach ist das nicht. Mein Geduldfaden ist nicht so lang… Ich bin es gewohnt, zu funktionieren. Ich bin es gewohnt, mein höchstes Tempo zu fahren und möglichst vieles in möglichst wenig Zeit zu erledigen.
Normalerweise komme ich mit meinem Fahrrad innert weniger Minuten überall in der Stadt hin. Jetzt brauche ich schon mehrere Minuten bis zur Bushaltestelle. Und genauso lange von der Bushaltestelle zum Büro. Jeder Weg wird zu einer Entscheidung: Schaff ich das? Und wenn ich zu spät bin, kann ich nicht beschleunigen. Rennen, Eilen, das geht nicht. Es geht nur Schritt für Schritt.
Von schwierigen Situationen
In diesen Wochen habe ich Mitleid mit mir bekommen. Zwischendurch war ich unruhig, wütend. Ich fand die Situation schwierig. Ich wollte, dass diese Zeit vorbeigeht…
Dann realisierte ich: So wie es mir geht, geht es ganz vielen. Ich begann wahrzunehmen, wie viele Menschen mit körperlichen Beschwerden leben. Sie gehen an Krücken. Hinken. Manche sind auf einen Rollstuhl angewiesen. Andere können nicht gut atmen – und für viele ist dies kein vorübergehender Zustand. Es ist immer so.
Da war ein älterer Herr, der ganz gebückt geht. Seine Schritte sind so klein, dass man denkt, er wird nie an seinem Ziel ankommen. Aber er tut es!
Oder eine junge Frau, die eine ältere stützt. Gemeinsam schaffen sie den Weg, der für die ältere Frau allein zu schwierig wäre.

Manchen Menschen sieht man ihre Mühe, ihren Schmerz an. Was ja auch verständlich ist. Andere scheinen ruhig und gelassen. Sie lassen sich von nichts aus der Ruhe bringen.
Das ist GEDULD – Langmut!
Eine Tugend, die uns allen das Leben erleichtert, ganz gleich, ob wir körperlich gesund sind oder nicht.
«Geduld bringt Rosen…» heisst es in einem Sprichwort.
Wie kommt man zu mehr Geduld?
Wie gelingt es, ein geduldigerer Mensch zu werden?
Ich habe recherchiert – aus persönlichem Interesse – und mache den Selbstversuch.
3 Tipps für mehr GEDULD, die ich umsetzen möchte:
1) Akzeptieren
Wenn uns etwas Unangenehmes passiert, denken wir sofort: Hätte ich doch besser aufgepasst! Warum musste das passieren? Schnell verurteilen wir uns selbst und hadern mit Situationen, die sich nicht verändern lassen. So ging es auch mir mit dem vertretenen Fuss. Wieder und wieder habe ich gedacht: Könnte ich die Zeit doch zurückdrehen! Warum habe ich nicht aufgepasst!?
Doch Hadern bringt mich nicht weiter.
«Es ist, was es ist» ↗ – heisst es in einem schönen Gedicht.
Je mehr es mir gelingt, gegen meine Widerstände anzukämpfen, und das anzunehmen, was ich jetzt nicht ändern kann, desto geduldiger werde ich.
2) DIE PERSPEKTIVE WECHSELN
In jeder unangenehmen Situation im Alltag – sei es nun der verletzte Fuss, oder der Bus, der mir grad vor der Nase weggefahren ist – kann ich entscheiden, wie ich reagiere: Fokussiere ich auf das Unglück und bemitleide ich mich, weil ich sehe, was jetzt nicht mehr geht? Oder sehe ich das, was immer noch möglich ist? Vielleicht sogar das, was mir mit dieser Situation geschenkt wird!
Wir durften z.B. als Familie in den letzten Wochen erleben, wie hilfsbereit unsere Nachbar:innen sind. So viele gingen für uns einkaufen oder boten einen Fahrdienst an. Dafür bin ich sehr dankbar.
3) DIE KLEINEN ERFOLGE FEIERN
Zwischendurch habe ich den Eindruck: Es geht nicht voran… Aber wenn ich ehrlich hinschaue, sehe ich: Es gibt immer wieder kleine Fortschritte – Zwischenschritte. Anfangs habe ich die Krücken überallhin mitgenommen – jetzt kann ich sie gut zu Hause lassen. Schuhe anziehen war in den ersten Tagen enorm schwierig – inzwischen ziehe ich den grossen Sportschuh locker über die Schiene.
Jeder Zwischenschritt ist ein Erfolg – und darf gefeiert werden!
Ich übe mich in diesen Tagen in Geduld. Manchmal funktioniert es besser, manchmal weniger gut. Ich übe mich im Akzeptieren, im Perspektive wechseln und feiere die kleinen Erfolge.
Wie sieht das bei dir aus?
Bist du ein geduldiger Mensch? Oder wünschst du dir manchmal auch, du hättest ein bisschen mehr von diesem altmodischen Wort: LANGMUT.
Mir geht es oft so, dass ich geduldig bin im Umgang mit andern. Aber bei mir selbst fehlt mir die Geduld.
Dafür ist mir mein verletzter Fuss in diesen Tagen ein guter Wegbegleiter…
Was hilft dir, Geduld zu üben und zufriedener zu werden? Wenn du magst, schreib es uns!
Den nächsten Podcast hörst du am 11. September mit Carsten.
Bis dahin, mach`s gut und schau gut zu dir.

Kathrin Bolt
Kathrin schreibt und spricht leidenschaftlich gerne. Die 44-Jährige lebt mit ihrer Familie in St.Gallen und arbeitet als Pfarrerin in der evangelisch-reformierten Laurenzenkirche. In ihrer Freizeit spielt sie Theater.

