Hast Du es gehört? Wir machen im Sternenglanz-Podcast etwas Neues. Ist Dir die Entwicklung bei den neueren Podcastfolgen aufgefallen? Hier rauschen nicht mehr nur gelegentlich Wellen oder andere Geräusche. Wir haben Johannes Lienhardt ↗ gebeten, uns kurze Melodien auf der Orgel einzuspielen, die nun hin und wieder im Podcast zu hören sind. Das sind «Atmos». Also keine Heizungssysteme oder räumlichen Klangwelten.
Atmos ist das Kurzwort für Atmosphärisches, also das, was Atmosphäre erzeugt, was das wirklich Wichtige dezent im Hintergrund begleitet und unterstützt.
Ich fokussiere gerne und will das Zentrale, das Ziel vor Augen haben. Deshalb musste und muss ich lernen, dass auch Nebensächliches wichtig sein kann. Atmosphärisches hat einen so grossen Einfluss auf uns. Also schauen wir uns mal Atmos etwas genauer an. Wir tun das mit Blick auf Podcasts, auf Kirche und wir fragen, wie die Sensibilität auf Atmos im Leben hilft.
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Für Podcasts in Berlin
Im Sommer war ich in Berlin. Ich habe endlich die Weiterbildung für Podcasts gemacht, die ich vor fünf Jahren hätte machen sollen, als ich mit Podcasts anfing. Bei dieser Weiterbildung sprachen wir ganz selbstverständlich von Atmos. Ich kannte dieses Wort noch nicht. Dabei sind für die Gestaltung von Podcasts Atmos als Hintergrundgeräusche ziemlich wichtig.
Atmos helfen, dass ich meine Botschaft gut rüberbringe.
Ich habe in der Weiterbildung gelernt, wie Atmos helfen können, dass ich gerne zuhöre.
Seit diesem Kurs in Berlin höre ich ständig in verschiedenste Podcasts hinein. Ich möchte besser verstehen, wie andere das mit der Gestaltung von Atmosphäre machen. Wie erzeugen sie Stimmung, die uns packt?
Ich höre aktuell TrueCrime-Hörspiele. Das sind diese Geschichten über Gewaltverbrechen, die wirklich irgendwo einmal stattgefunden haben. Was da an Spannung erzeugt wird durch tiefe Basstöne im Hintergrund! Da steigt in mir ein Gruseln auf, wenn ich von schrecklichen Gewalttaten höre und ich muss daran denken, dass das alles passiert ist.

Ich höre auch wieder die Hörspiele der drei ???. Wenn die drei jungen Detektive in ihrer Zentrale sitzen, dann hört man im Hintergrund oft Geräusche von einem Schrottplatz. Die Audios im Hintergrund lassen keinen Zweifel aufkommen: Die Zentrale der drei ??? befindet sich wirklich auf einem Schrottplatz!
All dieses Beiwerk im Hintergrund – seien es die tiefen Basstöne oder die quietschende Schrottpresse – erzeugt eine ganz bestimmte Stimmung für das, was gerade erzählt wird. Atmos sind wichtig für Atmosphäre, für Stimmung, für Motivation, für Spannung.
Ich merke also, wie manches Nebensächliche mir hilft, die Hauptsache zu vertiefen, wie manch Hintergründiges hilft, das Vordergründige zu verstehen.
Atmos in der Kirche
Mir geht nach, dass es in unseren Kirchen auch viele Dinge gibt, die mich in Stimmung versetzen.
Wenn ich eine Kirche betrete, dann steigt mir Kerzenduft in die Nase. Mein Auge freut sich an den bunten Lichtflecken an der Wand, die durch das bunte Fensterglas hereinfallen. Meine Gedanken werden angeregt durch manche Malerei oder Kunst, die sich hier und da findet. Musik dringt ins Ohr. Glocken läuten, an der Tür reden ein paar Leute miteinander. Ein paar Blumen sprechen mich an.
All dieser Kram, das sind natürlich alles bloss Nebensächlichkeiten. Das ist alles nicht wirklich wichtig. Es geht auch ohne. Blumen finde ich auch in der Natur, Kunst gibt es im Museum. Wenn ich Musik hören will, gehe ich in die Tonhalle oder ins Sittertal.
In der Kirche hilft mir all das, mir vorzustellen, dass in dieser besonderen Atmosphäre Gott nicht so weit weg ist.
Vor ein paar Jahren habe ich eine Umfrage in der Kirche gemacht. Ich wollte wissen, wie die Mitfeiernden im Gottesdienst die Atmosphäre in der Kirche erleben. Ist es dort eher warm? Ist es dort eher kalt? Ich fragte: «Auf einer Skala von 1 bis 10, wie schätzt Du die Atmosphäre in unserer Kirche ein?»
So eine Umfrage zu machen war wirklich spannend. Allerdings haben wir einen Fehler gemacht. Wir haben zu ungenau gefragt. Die Antworten waren sehr unterschiedlich: Viele empfanden diese Kirche als zu kalt; andere erlebten eine schöne, warme Atmosphäre.

Diese grossen Unterschiede kamen zustande, weil wir nicht unterschieden haben, ob wir etwas über die Atmosphäre des Raumes oder über das menschliche Miteinander wissen wollten: Ein Raum kann warm oder kalt wirken, ebenso wie das zwischenmenschliche Miteinander.
Ist das Gebäude kalt und nüchtern, die Leute aber warmherzig? Ist das Gebäude voll warmer Wohlfühlatmosphäre, aber die Leute doch kaltschnäuzig und abstossend?
Die Erfahrung mit dieser schlechten Umfrage lässt mich heute immer noch fragen: liegt es am Raum, an den Leuten, an irgendetwas anderem? Und je länger je mehr, egal, ob es um Raumgestaltung, menschliches Miteinander oder Podcasts und Hörspiele geht:
Was ich an Stimmung wahrnehme, was ich an Atmosphäre erlebe und in mich aufnehme, das hängt von vielen, kleinen, verschiedenen Atmos ab. Es sind Nebensächlichkeiten, die mal mehr oder weniger helfen, zur Hauptsache zu kommen.
Wie kann mir ein bewusster Umgang mit Atmos im Alltag helfen?
Mehrere Dinge kann ich von meinen Atmos lernen:
- Ich fokussiere immer noch gerne, habe immer noch gerne das Wichtige, das Zentrale, ein klares Ziel vor Augen. Doch um dorthin zu kommen, braucht es mitunter auch viele Nebensächlichkeiten, jene, die eher hintergründig unter die Haut gehen.
- Ich bin unterwegs als ganzer Mensch, nicht nur mit dem Kopf, sondern mit allen Sinnen, auch mit Herz und Bauch.
- Und schliesslich: Ich will meine Erfahrungen ernst nehmen, gerade auch für mich selbst. Daheim teste ich aus: Manchmal mache ich es mir mit Kerzen, Wollsocken und einem heissen Tee oder Schokolade gemütlich. Ich freue mich, wenn Besuch kommt und wir irgendwelche Spiele hervorholen. Dann füllt sich der Tisch mit Karten und Würfeln. Notwendig ist all das nicht. Aber es macht mein Umfeld behaglich und hyggelig, heimelig.
Da bin ich gern daheim. Da wird es auch mal spannend und kreativ. Ich probiere aus, was für mich funktioniert.
Manches entdecke ich neu, anderes lasse ich sein. Ich wähle aus, was für mich wirklich funktioniert.
Hier im Sternenglanz-Podcast würde es wohl nicht funktionieren, wenn wir plötzlich im Hintergrund gruselige Basstöne einfliessen lassen würden. Oder stell Dir vor, Kathrin beim Gottesdienst in der Laurenzenkirche: dieser schöne Kirchenraum, die glänzenden Sterne an der Decke, und irgendwann während der Predigt hörst Du leise im Hintergrund das Geräusch einer quietschenden Schrottpresse …
Fazit: Nicht alles funktioniert überall. Also wähle ich aus und nehme meine eigenen Erfahrungen ernst.
Atmos sind wichtig: dass die Atmosphäre gut wird, dass die Stimmung sich hebt. Also wenn Du das nächste Mal in Deine Kirche gehst, wenn Du zu Hause ein Hörbuch der drei ??? hörst oder auf dem Sofa daheim die Beine ausstreckst: Bleib aufmerksam. Schau auf Deine Erfahrungen. Was hilft wirklich, dass bei Dir, in Deinem Umfeld die Stimmung stimmt?
Unseren nächsten Podcast hörst hier dann wieder am 29. August, dann wieder mit Kathrin Bolt.
Dir alles Gute & Gottes Segen!

Carsten
Wolfers
Carsten Wolfers ist leidenschaftlicher Podcaster und Hobby-Musiker. Der 52-Jährige lebt mit seiner Familie im Rheintal und arbeitet als Diakon für die römisch-katholische Kirche in Sevelen. In seiner Freizeit philosophiert er gerne über die grossen Fragen des Lebens.

